Subtile Kraft

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Von: Lauren Eckstrom   Fotos: Mitch & Brittany Rouse

In alten Hatha-Yogatexten findet sich die Spur einer beinahe vergessenen Yogapraxis: Die Vayus, fünf „Winde“ von Lebensenergie, verbinden den physischen Körper mit dem energetischen. Sie zu kennen und bewusst zu erleben, kann die Yogapraxis vertiefen und uns zu mehr Klarheit und Authentizität verhelfen. 

Das vergangene Jahr hatte es in sich: Mein Vater lag im Sterben, ich unterrichtete fast rund um die Uhr Yoga und wollte ihn dennoch so oft wie möglich im Krankenhaus besuchen. Eines Nachmittags hetzte ich nach Hause, um mich auf dem Weg in die Klinik schnell umzuziehen. Doch ich fand keinen Parkplatz. Also stellte ich das Auto vor meiner Wohnung mit laufender Warnblinkanlage in die zweite Reihe und hastete hinein. „Das geht ganz schnell!“, redete ich mir ein. Zwei Minuten später: Dauerhupen. Ich schoss wieder nach unten und stieß auf eine kleine, ältere und sehr verärgerte Frau. Sie streckte ihren Kopf zum Fahrerfenster heraus und bombardierte mich mit Kraftausdrücken. Ich atmete tief durch, sah ihr in die Augen und entschuldigte mich aufrichtig. Als ich mein Auto wegfuhr, schimpfte sie immer noch. Das Letzte, was ich hörte, waren die Worte: „Ich muss zu einem Arzttermin und jetzt komme ich womöglich zu spät!“ Als ich ihr nachsah, wie sie so ganz alleine davonraste, fiel mir ein, was ich mir häufig sage, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle: „Sei milde, jeder Mensch führt einen Kampf, von dem du nichts weißt.“ In diesem Moment überwältigte mich Mitgefühl. Ein Arztbesuch kann schwierig sein – umso mehr, wenn man alleine hingehen muss.

Wenn ich heute auf diese Situation zurückblicke, bin ich sehr dankbar für meine Yogapraxis – und ganz besonders für die Entdeckung der Vayus, auch Prana-Vayus genannt. Prana bedeutet „Lebenskraft“ oder „vitale Energie“. Vayu heißt übersetzt „Wind“, „Luft“ oder „Raum“, es ist auch der Name des hinduistischen Windgottes. Die Vayus sind Energieräume oder -ströme an verschiedenen Stellen des Körpers. Sie bewegen sich in unterschiedliche Richtungen und haben verschiedene Funktionen. Es gibt fünf Haupt-Vayus, auf die ich mich in diesem Artikel beschränke, und fünf Neben-Vayus..

Allzu viel verraten uns die Quellentexte leider nicht über diese subtilen Energien: Hier ist – mehr noch als sonst im Yoga – eigene Forschungsarbeit nötig. Doch nach meiner Erfahrung kann gerade dieses aufmerksame Erkunden der Vayus nicht nur helfen, den physischen Körper und seine Systeme auf feinstofflicher Ebene zu regulieren, es hat mich auch in die Lage versetzt, in schwierigen Situatio­nen mit Standfestigkeit, Gleichmut und Mitgefühl zu reagieren: Während meiner kurzen Interaktion mit der Autofahrerin gelang es mir, mich über meine Füße nach unten zu verwurzeln (Apana Vayu). Ich konnte tief durchatmen und nach innen zu meiner Mitte spüren (Samana Vayu). Ich blieb klar in meinen Worten (Udana Vayu) und konnte mich dennoch meinem Gegenüber zuwenden (Vyana Vayu) und mich von Herzen entschuldigen für die Umstände, die uns umgeben (Prana Vayu). Die Erfahrung der Vayus in der Yogapraxis verbindet mich zugleich mit dem inneren Energiefluss und der äußeren Welt. Das Ergebnis: Meine Inneres spiegelt sich im Außen so wider, wie es meinen Werten und meinem höheren Selbst entspricht.

In dieser Online-Reihe lernen Sie die fünf Haupt-Vayus kennen – und zwar in fünf Yogahaltungen, in denen Sie sie nach meiner Erfahrung besonders gut in Ihrem Körper spüren können. Erforschen Sie die Vayus. Verkörpern Sie sie. Und beobachten Sie, wie diese Praxis Sie lehrt, sich von einem Ort des Friedens, der Kraft und der Verbindung durch Ihre Yogapraxis und Ihr Leben zu bewegen. Hier gibt es den zweiten Teil.

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