Veganer Schoko-Pudding mit Avocado

Schoko-Pudding Avocado

Lust auf ein veganes Schoko-Dessert, das obendrein auch noch gesund ist? Dann haben wir eine geniale Nährstoff-Bombe aus verschiedenen Superfoods für dich: den veganen Schoko-Pudding mit Avocado. 

Den Avocado-Pudding kannst du nach Lust und Laune an deine Vorlieben anpassen. Du möchtest mehr Süße? Dann verfeinere das Rezept zusätzlich mit Datteln. Wem der gewisse Crunch fehlt, der kann Nüsse oder Hanfsamen in den Teig mischen. Alle, die gerne eine fruchtige Note hineinmischen wollen, können das Rezept mit Goji Beeren verfeinern oder danach einfach ein paar frische Beeren oder Früchte drüber geben. 

Das brauchst du für das Basis-Rezept:

  • 3 reife Avocados
  • ¼ Tasse roher Kakao
  • 3–6 TL Kokosmilch
  • 1 TL Vanille aus der Mühle
  • 2 TL Kokosöl
  • 2 TL Agavendicksaft

Mit diesen Mengen-Angaben kommst du auf etwa 4 Portionen. 

Und so geht’s:

Mixe alle Zutaten in einer Schüssel zu einer cremigen Masse zusammen. Stelle sie 30–40 Minuten lang kalt und servieren den Pudding schließlich in kleinen Schälchen. Du hast noch ein paar Zutaten wie Nüsse, Beeren oder Samen übrig? Super, dann nutze sie zum Garnieren. Und fertig ist dein veganer Superfood-Pudding. 

Lust auf mehr vegane Rezepte? Die findest du hier

Kundalini Yoga: Style Guide

Kundalini Yoga

Kundalini Yoga nach Yogi Bhajan ist ein Yoga des Bewusstseins und wird weltweit von bekannten Lehrern wie Gurmukh Kaur Khalsa unterrichtet. Doch was steckt hinter dem Stil und wie wird er noch heute praktiziert?

Kundalini Yoga und seine Anfänge in Amerika

Yogi Bhajan brachte Kundalini Yoga im Jahre 1968 nach Amerika. Er wurde am 26. August 1929 in Kot Harkam, Gujaranwala (damals zu Indien gehörend, heute Pakistan) als Harbhajan Singh Puri in eine Familie von Großgrundbesitzern geboren. Seine Familie lebte in der Tradition der Sikhs. Von klein an hatte er ein ausgeprägtes Interesse für alle Arten von religiösen Lehren, Schriften und Methoden. Er studierte Kundalini Yoga, tantrisches Yoga und Gong-Meditation bei Sant Harzan Singh. Dieser erklärte ihn im Alter von 16 Jahren zum Meister des Kundalini Yoga.

Unter der Leitung von Acharya Narinder Dev von Yoga Smriti bildete er sich im Hatha Yoga weiter. Daneben besuchte er spirituelle Lehrer in verschiedenen Ashrams in Indien und im Himalaya, gleichzeitig schloss er ein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Punjab ab. Nach dem Studium gründete er eine Familie und begann eine Karriere im indischen Staatsdienst. 1968 wurde er nach Kanada eingeladen, um an der Universität von Toronto einen Vortrag über Yoga zu halten. Danach ging er nach Los Angeles, wo er entgegen der in den alten Schriften ausgesprochenen Verbote begann, Kundalini Yoga öffentlich zu unterrichten. Die in den Schriften angedrohten Strafen waren drakonisch: Derjenige, der die Geheimnisse des Kundalini Yoga verrät, würde seinen nächsten Geburtstag nicht erleben. Yogi Bhajan brach dennoch mit der Tradition, denn er war der Überzeugung, dass in den Zeiten des anbrechenden Wassermannzeitalters die Kundalini-Techniken den Menschen hilfreich wären.

Die 3H-Organisation

Auf seine Initiative hin entstand die 3H-Organisation, die Yogi Bhajans Lehren bewahrt und weltweit verbreitet. Die drei Hs stehen für „happy, healthy, holy“ (glücklich, gesund und ganzheitlich). Für Yogi Bhajan sind das Lebensgrundrechte, die durch Kundalini Yoga gefördert werden. Die 3HO Deutschland ist ein gemeinnütziger Verein und die deutsche Dachorganisation für Kundalini Yoga nach Yogi Bhajan. 1971 wurde Yogi Bhajan Meister des Weißen Tantra, der so genannte „Mahan Tantric“, ein Titel den immer nur einen lebender Mensch trägt. Er starb am 6. Oktober 2004 in Española, New Mexico.

Gurmukh Kaur: Von Hollywood zur Gartenarbeit

Gurmukh Kaur war eine der ersten Schülerinnen von Yogi Bhajan. Sie war damals Hippie und gemeinsam mit einem Freund unterwegs, der von diesem Yogi aus Indien gehört hat und unbedingt eine seiner Stunden ausprobieren wollte. Und so landete Gurmukh unverhofft in ihrer ersten Yogastunde mit Yogi Bhajan.

Seitdem lebte sie in dessen Ashram und begann kurz darauf Kundalini Yoga zu unterrichten. Bald erfreute sich ihr Unterricht vor allem bei den Stars und Models aus Hollywood großer Beliebtheit. Yogi Bhajan beobachtete diese Entwicklung und berief sie eines Tages in den Mutter-Ashram nach Española in New Mexico. Um sie wieder auf den Boden der Tatsachen und in die Realität zurückzuholen, ließ er sie dort Gartenarbeit verrichten. Seit dieser Erfahrung unterrichtete Gurmukh ausschließlich offene Stunden – es gab keine Ausnahmen mehr, auch nicht für die größten Hollywood-Stars.

Was ist Kundalini?

Yogi Bhajan erklärt es so: „Kundalini kombiniert die Energie des Drüsensystems mit der des Nervensystems, um feinfühliger zu werden, so dass die Gesamtheit des Gehirns Signale wahrnimmt und interpretiert. Alle Flüsse münden in den Ozean. Jedes Yoga mündet darin, die Kundalini zu erwecken. Was ist Kundalini? Es ist das kreative Potenzial des Menschen.“

Kundalini Yoga stammt aus Nordindien und hat eine jahrhundertelange Tradition. Seine Ursprünge liegen sehr weit zurück und wurden nach indischer Vorstellung am Anfang des silbernen Zeitalters von den Rishis verschlüsselt. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass Kundalini Yoga schon von tantrischen Kulturen (zwischen 4000 und 1500 v. Chr.) im Industal praktiziert wurde. Traditionell wurde es im Geheimen von Lehrer zu Schüler mündlich weitergegeben. Yogi Bhajan war der erste, der die geheimen Lehrern und Techniken des Kundalini Yoga öffentlich lehrte. Kundalini Yoga gehört zur Form des Raj Yoga, der königlichen, vereinigenden Disziplin, es ist ein so genanntes Maha Yoga (höchstes Yoga). Die Yoga-Shikha-Upanishaden beschreiben es als kombinierte Praxis von Mantra Yoga, Laya Yoga und Raj Yoga. Laut Geschichtsschreibung der Sikhs versammelten sich im 15. Jahrhundert die Oberhäupter aller Yogaschulen unter der Führung des bedeutenden Baal-Yogis Baba Siri Chand, einem Sohn des ersten Sikh-Gurus Nanak. Sie entschieden gemeinsam, dass in Zukunft die Abstammungslinie des Raj Yoga durch den Subtil- und Strahlungskörper von Guru Ram Das (dem vierten Sikh-Guru) weitergegeben werden soll. Dadurch erhielt Kundalini Yoga seine Verbindung zur Sikh-Tradition.

Der achtgliedrige Pfad im Kundalini Yoga

Die acht Arme der Yoga-Praxis von Patanjali finden sich auch im Kundalini Yoga wieder. In jeder vollständigen Übungsreihe sind alle acht Teile enthalten: Yama (fünffache Beherschung), Niyama (fünffache Disziplin), Asana (Körperhaltung), Pranayama (Kontrolle von Prana/Lebensenergie), Pratyahara (Abstimmung der Sinne und Gedanken), Dharana (auf einen Punkt ausgerichtete Konzentration), Dhyana (Meditation), Samadhi (Erwachen und Versenken in der Geistseele). Kundalini Yoga (oder auch „Yoga des Bewusstseins“) kombiniert Asanas (Körperhaltungen) mit Pranayama (Atmung), Mudras (Handhaltungen), Bhandas, Rezitieren von Mantren, Konzentration, Meditation und Entspannung. Auf der körperlichen Ebene ermöglicht es die Erfahrung der Einheit von Körper und Geist. Es stimuliert das Nerven- und Immunsystem, zentriert den Geist und schafft eine Verbindung zur Seele. Dabei entspannen sich Körper und Geist unmittelbar, gleichzeitig werden die physischen und mentalen Kräfte gestärkt. Auf der mentalen Ebene ermöglicht es Kundalini Yoga dem Bewusstsein, in Kontakt mit dem Unterbewusstsein zu kommen und sich so von alten, überholten Verhaltensmustern zu befreien.

Typisch für die Übungen im Kundalini Yoga sind die Dynamik in der Ausführung und die im Vergleich zu anderen Yoga-Richtungen einfachen Grundhaltungen. Es sind keine besonderen körperlichen Fähigkeiten oder Vorkenntnisse nötig, um die schnell eintretenden, wohltuenden Effekte von Kundalini Yoga zu erfahren – unabhängig von körperlicher Konstitution und Alter.

Yoga als ganzheitliche Praxis

Kundalini Yoga ist in ein ganzheitliches System, es umfasst die Heiltechnik Sat Nam Rasayan, die Kampfkunst Gatka, eine yogische Ernährungs- und Lebensweise, die Meditationsform „Weißes Tantra“ und Yoga für Schwangere.

Sat Nam Rasayan

Sat Nam Rasayan ist eine meditative Heilkunst aus der Tradition des Kundalini Yoga. Es bedeutet „Fließen der wahren Identität“. Die Heilung erfolgt alleine durch das Bewusstsein. Der Praktizierende stellt dafür einen bestimmten meditativen Geisteszustand her, den so genannten „heiligen Raum“. In diesem Raum lässt er alle Empfindungen zu und nimmt sie vollständig an. Dadurch kann er ein Gleichgewicht zwischen Körper, Geist und Seele herstellen und Heilung wird möglich. Yogi Bhajan hat diese Heilkunst an Guru Dev Singh weitergegeben. Dieser entwickelte daraus eine Schule, die es erlaubt, diese heilige Kunst des Heilens für jeden erfahrbar und erlernbar zu machen. Seit 1989 unterrichtet Guru Dev Singh weltweit Sat Nam Rasayan. „Im Sat Nam Rasayan wird nichts weiter verwendet als die Aufmerksamkeit und das transzendente Bewusstsein. Der Vorgang funktioniert wie ein Muskel, den man bewegt, um präzise Veränderungen in der Realität hervorzurufen. Allein durch die Aufmerksamkeit ist es möglich, die fünf Elemente und den Prana-Körper zu kontrollieren”, sagt Guru Dev Singh.

Gatka

Gatka ist die traditionelle Kampfkunst der Sikhs aus dem Norden von Indien. Sie basiert auf den elementaren Prinzipien der Vereinigung von Körper, Geist und Seele. Im Gatka spricht man auch vom spirituellen Krieger. Er stellt sich furchtlos und aufrecht den Problemen des Lebens. Er erkennt Situationen klar und deutlich aus seinem neutralen Geist, ohne sich von seinen Gefühlen leiten zu lassen. Die Ursprünge dieser jahrtausendealten Kampfkunst liegen in der indischen Kampfkunst Shastra Vidya (Shastra = Waffe, Vidya = Wissenschaft). Sie ist wie Yoga, Meditation und die ayurvedische Medizin ein Teil der alten vedischen Tradition.

Yoga für Schwangere

Diese Form von Yoga hilft der Frau, die Zeit der Schwangerschaft, die Geburt und den Prozess der Familienbildung bewusst und entspannt zu erleben. Mit ausgewählten Übungsreihen und Meditationen kann schwangerschaftstypischen Beschwerden wie Rückenschmerzen, Sodbrennen, Übelkeit und Müdigkeit vorgebeugt werden. Die Aufmerksamkeit wird auf die Kommunikation zwischen Mutter und Kind gelenkt. Mit Hilfe der Techniken des Kundalini Yoga wird das Selbstbewusstsein der Frau und ihr Vertrauen in ihre eigene innere Kraft und Stärke entwickelt

Weisses Tantra

Tantra ist ein Begriff aus dem Sanskrit und bedeutet Gewebe, Zusammenhang. Weißes Tantra ist eine Gruppenmeditation unter der Anleitung des Mahan Tantric. Die weiß gekleideten Teilnehmer sitzen sich in Reihen gegenüber und führen die Kriyas synchron aus. Jeder Kurs besteht aus sechs bis acht Kriyas pro Tag. Ein Kriya besteht aus einer Meditation mit einer Yoga- oder Handhaltung, einem mentalen Fokus und eventuell zusätzlich einem Mantra. Diese Kriyas dauern zwischen 11 und 62 Minuten mit einer anschließenden Pause. Durch diese Form der Meditation wird das Unterbewusstsein von alten Gedankenmustern und Gefühlen gereinigt, das ermöglicht die Entwicklung zu einem klareren Selbstverständnis. Auf dem letztjährigen Kundalini Yoga Festival in Frankreich nahmen über 2000 Menschen an dem dreitägigen Kurs zum Weißen Tantra teil. Jährlich finden weltweit etwa 30 Kurse mit mehreren hundert Teilnehmern statt. Im Gegensatz zu Rotem und Schwarzem Tantra hat Weißes Tantra nichts mit Magie oder Sex zu tun. Es ist vielmehr eine tiefe Selbsterfahrung und die intensivste Praxis, die Kundalini Yoga zu bieten hat.


Autorin Bettina Siri Kirpal Kaur Baumgartner unterrichtet Kundalini Yoga und Pilates in München und Umgebung.


5 Tipps für Yoga für Ü50

Yoga für Ü50

Ab durch die Mitte! Was die Richtung betrifft, kann es von dort aus auf- oder abwärts gehen. Die Yogalehrerinnen Desiree Rumbaugh (58, links) und Michelle Marchildon (56, rechts) blicken zusammen auf eine über 50-jährige Yogapraxis zurück. Für sie ist die Lebensmitte eine Zeit für Resumees, aber auch für Neustart und Wachstum. Sie verraten uns 5 Tipps, wie man Yoga für Ü50 nicht nur weiter üben, sondern sogar deutliche Fortschritte machen kann. 

1. Präzisere Ausrichtung

Bei Yoga für Ü50 steigt in fließenden Yogastilen die Verletzungsgefahr. Anders ist das bei Stilen wie Iyengar Yoga, das besonderen Wert auf die Ausrichtung legt. „Vinyasa ist wunderbar. Aber vor allem als Einstieg für Ältere nicht geeignet. So flexibel man auch sein mag“, sagt Michelle Marchildon. Um Verletzungen vorzubeugen, sollte man unbedingt einen in präziser Ausrichtung erfahrenen Lehrer wählen. Entsprechendes Üben sorgt dabei auch für größere Sicherheit in fließenderen Klassen.

2. Zusätzliches (Kraft)training

Lange verließ sich Desiree Rumbaugh auf Yoga als einzigen Sport. Mit 51 empfahl ihr ihre Tochter, Personal-Trainerin, die Praxis mit Krafttraining zu ergänzen. „Damals war ich sehr gelenkig, konnte aber nicht lange joggen, Klimmzüge machen oder irgendetwas, das Kraft aus der Mitte braucht.“ Nach 50 baut sich Muskelmasse schneller ab, was Sehnen und Bänder verletzungsanfälliger macht. „Pilates, Hantelübungen, Cardio. Trainiere zusätzlich etwas, was dir Spaß macht.“

3. Rückblickend lernen, nach vorne orientieren

„Wir sind nur ein winziger Punkt im Universum, also sollte man seine Probleme nicht zum Mittelpunkt aller Dinge machen“, sagt Desiree Rumbaugh als Mutter, deren Sohn gewaltsam zu Tode kam. Vor allem in Relation zu den üblichen unerfreulichen Alltagsthemen gibt das zu denken. „Mit zunehmenden Alter wird uns deshalb bewusst, dass jeder in seinem Leben mit Tiefen zu tun hatte. Sie hinterlassen einerseits Spuren. Gleichzeitig sollte man nicht zu tief in ihnen verweilen.“ Oder wie Marchildon danach ergänzt: „Unsere Erlebnisse verändern uns immer. Mit Glück zum Besseren.“

4.Gemeinschaft finden

Die Lebensmitte wirft viele Fragen auf. Manchmal hat man das Gefühl mit seinen Sorgen alleine zu sein. Der Tipp dafür liegt auf der Hand. Besuche deshalb Yogastunden, statt nur alleine zuhause zu üben. Die Chance dabei ist groß, Gleichgesinnte zu finden. So simpel es auch klingt. Finde neue Freunde, gerne auch jüngere! Neue Impulse und überraschende Sichtweisen vermeiden die bittere Haltung, die sich manchmal mit zunehmendem Alter einschleicht.

5. Zeit zu spielen

Yoga lässt uns an die Zeit als Kind zu erinnern. Beispielsweise lachen, spielen und kreativ sein. „Wir nehmen Yoga sehr ernst, versuchen aber, uns selbst mit Humor zu nehmen„, so Marchildon. Natürlich möchten wir Haltungen gerne beherrschen. Aber essentiell bedeutet Yoga ja nie, „gut“ zu sein. Sondern Leichtigkeit zu erfahren und mit Hilfe des Körpers neue Dinge zu probieren. „Durch unsere Tränen lachen zu können. Das macht uns aus“, lautet Rumbaughs Überzeugung. „Für mich ist es das Geheimelixier, um auf und abseits der Matte gut zu altern.“

Yoga im Alter

Ursula Lyon – Yogapionierin zwischen Yoga und Buddhismus

Yogapionierin Ursula Lyon

Die 1928 in Köln geborene Ursula Lyon versteht sich als Begleiterin auf dem „umfassenden Weg“ des von ihr begründeten Sampada-Yoga. Dieser verbindet das buddhistische Leitmotiv der liebenden Güte „Metta“ sowie Yoga und Meditation zu einer heilsamen und ganzheitlichen Lebensstrategie.

Eigentlich wollte Ursula Lyon nach dem Abitur Medizin studieren. Doch daraus wurde „nur“ eine Ausbildung zur Krankenpflegerin und Physiotherapeutin. Bereits mit zehn Jahren hatte sie ihre leibliche Mutter verloren. Mit der späteren Frau des Vaters verstand sie sich nicht gut. So packt sie nach der Ausbildung mit 22 Jahren die Koffer, um in São Paolo als Kindermädchen zu arbeiten. Beweggründe: Fernweh und Neugier aufs Leben. Dort lernte sie ihren Mann kennen, mit dem sie erfüllende Jahre in Brasilien verbrachte. Als das Paar nach Deutschland zurückkehrte, entdeckte Jesse Lyon für sich den Buddhismus. Und Ursula Lyon folgte ihm auf diesem Weg. Anschließend begann sie sich für Yoga zu interessieren. Weil sie mit der Technik des bewussten Atmens die Geburt ihrer zwei Töchter nahezu schmerzfrei erlebte. 

Der Weg des Körpers

Yoga galt damals als esoterische Gymnastik. Es gab nicht viele Fortbildungsmöglichkeiten. Ausnahmen waren etwa Helga Peters oder Selvaraja Yesudian. 1977 absolvierte sie eine „Vorführstunde“ beim BDY. Damit war sie zertifizierte Yogalehrerin. Gleichzeitig besuchte sie ein Schweigeseminar bei ihrem späteren Lehrer Christopher Tittmus. Die Wege des Yoga und der Meditation eröffneten sich ihr gleichzeitig. Seitdem gehört beides untrennbar für sie zusammen. „Vereinigt im Körper als Tempel der Seele und des Geistes.“ Die Vorsitzenden der buddhistischen Vereinigungen sahen das damals allerdings anders. Frau und Autodidaktin? Ursula Lyon musste Yoga also über den Umweg der „Gesundheitsgymnastik“ vorwiegend an die Frau bringen. So vermittelte sie den Anhängern der rein geistig verstandenen buddhistischen Lehre Wahrnehmung durch Yoga. Und zwar auf körperlichem Wege.

Die „Emanzipation des Yoga“ erfolgte in dieser Zeit. Dank der Beharrlichkeit von Pionierinnen wie Indra Devi. Auch Ursula Lyons spätere Lehrerin Ayya Khema, die in Sri Lanka ein Nonnenkloster gründete, musste sich in der von Männern dominierten Glaubenswelt behaupten. Lyon schließlich traf die buddhistische Nonne nach dem Tod ihres Mannes. Anschließend vertiefte sie sich sowohl unter ihrer Anweisung als auch während längerer Aufenthalte in Sri Lanka und Thailand in die buddhistische Lehre. Auch hier erfuhr sie eine tendenzielle Ablehnung der Körperlichkeit. Aber Ursula Lyon blieb einmal mehr freundlich und humorvoll persistierend. Bei ihrer Überzeugung und hielt es mit Buddha: „Die Achtsamkeit auf den Körper ist ein Heilmittel für alles.“

Achtsamkeit, Liebe, Glück

Die alten Schriften weisen darauf hin, dass Yoga als Vorbereitung zur Meditation dient. Heute gehen Achtsamkeitstechniken wie MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) Hand in Hand mit körperbezogenen Wahrnehmungsübungen. Darunter Bodyscan, Meditation und Yoga. Ursula Lyon begegnet oft Menschen, die darüber klagen, keine Freude oder Liebe empfinden zu können. Ein Heimweg zu sich selbst könne ihrer Ansicht nach am besten über den Übungsweg der Selbstbeobachtung stattfinden. Er vollzieht sich in kleinen Schritten, etwa mittels Bodyscan durch die körperlichen Schichten hin zum Gefühl. Glück und Liebe sind komplexe Konstrukte, geknüpft an hohe Erwartungen.

Das Gefühl hingegen geht unmittelbar unter die eigene Haut. Kein Zufall, sondern vielmehr lernbar. Der Ratschlag der buddhistischen Achtsamkeitslehrerin: Bei allem, was schön ist, innehalten. Achtsame Beobachtung ist nur aus dem Zustand der Stille und Ruhe heraus wahrnehmbar. Hier löst sich das wertende Denken auf und verwandele sich in pures Hören, Riechen oder Fühlen. Wer sich mit dem reinen Objekt zu verbinden vermag, hebt den Zustand der Trennung auf. Dadurch erreicht man die Met(t)a-Ebene. Die Wohnstätte der Liebe im Herzen.

Der Verstand erweist sich dabei oftmals als Irrweg. Wir müssen Unvollkommenheit akzeptieren und uns vom Perfektionsanspruch befreien. Echtes Selbstbewusstsein geschieht durch achtsames Bewusstsein des Selbst. Dadurch lernen wir, das „Scheitern“ der Idealvorstellungen hinzunehmen. Deshalb sind Schwierigkeiten Übungsmomente.

Bewusst fühlen

YAuch der Buddhismus ist keine reine „Männerwirtschaft“ mehr. Als Schülerin von Ayya Kema wurde Ursula Lyon bewusst, wie viel Disziplin sie aufbringen musste, um als Frau in der buddhistischen Gemeinschaft ernst genommen zu werden. Damals mussten Frauen ihre Ernsthaftigkeit und ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen.

Im Laufe ihres eigenen Lebenswegs ist Ursula die weibliche Verkörperung des Buddha „Kuan Yin“ ans Herz gewachsen. Eine Allegorie der Weisheit sowie des liebenden Mitgefühls. Diese weiblichen Qualitäten ruhen nach Ansicht der Yoga- und Meditationslehrerin in uns allen. Außerdem entsprechen diese auch unserem tiefsten Selbstgefühl. Denn wir können nur mitfühlen, wenn wir uns erst selbst fühlen. Dies vollzieht sich nicht auf der Verstandesebene. Sondern sie sei Ausdruck unseres Wesens, das im Unterbewusstsein wirkt. Bewusst empfundene Gefühle sind reine Herzensangelegenheiten. Darüber hinaus bringen sie uns zum Wesentlichen.

Die „Buddha-Oma“ auf Youtube

Im digitalen Zeitalter angekommen, bietet Ursula Lyon auf ihrem Youtube-Kanal Buddha Oma Meditationsübungen an. Dort gibt sie zudem Antworten auf tiefgreifende Fragen des Seins.

Yogapionierin Ursula Lyon PortraitÜber 25 Jahre ist Ursula Lyon inzwischen in der Ausbildung für Yoga­lehrende tätig. Ihr Schwerpunkt sind Schweigeseminare, die alle Aspekte des umfassenden Weges einbinden. Sie sollen darüber hinaus in ein achtsames, entwicklungsfähiges Leben münden sollen. Im Waldhaus Verlag sind von Ursula Lyon unter anderem die Bücher „Sampada Yoga“ und „Rituale für das ganze Leben“ sowie Meditations-CDs erschienen. Mehr Infos unter www.sampadasangha.com

„Namasté“: Was bedeutet das eigentlich?

Namaste

Du kennst es vom Yogaunterricht. Zum Ende der Stunde verabschiedet sich der Lehrer mit gefalteten Händen, einer Verbeugung und einem „Namasté“. Viele stimmen in den Gruß ein, weil es eben jeder macht. Doch was bedeutet es und wieso tun wir es überhaupt? Wir haben bei Yogalehrer Aadil Palkhivala nachgehakt. 

Die Geste Namasté steht für die Überzeugung, dass sich in jedem Menschen ein göttlicher Funke befindet – und zwar im Herz-Chakra. Wenn wir sie ausüben, würdigt unsere eigene Seele damit die Seele unseres Gegenübers. „Nama“ bedeutet verbeugen, „as“ heißt ich und „te“ du. Wörtlich übersetzt bedeutet Namasté also: „Ich verbeuge mich vor dir.“

Die Geste selbst genügt für Namasté

Um Namasté auszuführen, bringen wir die Hände vor dem Herz-Chakra aneinander, schließen unsere Augen und neigen den Kopf zum Herzen. Eine andere Variante ist, die Hände vor dem dritten Auge zusammenzubringen, den Kopf zu senken und anschließend die Hände nach unten auf Höhe des Herzens zu senken. Dabei handelt es sich um einen besonders tiefen Ausdruck von Respekt. Auch wenn man im Westen normalerweise das Wort „Namasté“ in Verbindung mit der Geste sagt, versteht man in Indien die Geste selbst als Ausdruck von Namasté – deshalb ist es nicht notwendig, das Wort auszusprechen, während man sich verbeugt.

Namasté dient als Meditationstechnik

Die Hände bringen wir vor dem Herzchakra zusammen, um den Fluss göttlicher Liebe zu verstärken. Den Kopf zu senken und die Augen zu schließen, hilft unserem Geist, sich an das Göttliche in unserem Herzen hinzugeben. Namasté sich selbst gegenüber dient als Meditationstechnik, um tiefer in das Herz-Chakra einzutauchen; wenn man es mit jemand anderem zusammen macht, dann ist das ebenfalls eine wunderschöne, wenn auch kurze Meditation.

Seelische Einheit und Verbundenheit

In der Beziehung zwischen Lehrer und Schüler erlaubt Namasté zwei Individuen, energetisch an einem Ort der Verbundenheit und Zeitlosigkeit zusammen zu kommen, frei von den Fesseln der Identifikation mit dem Ego. Wenn beide die Geste mit einem tiefen Gefühl, das aus dem Herzen kommt, und mit einem Geist, der sich hingegeben hat, durchführen, kann sich eine tiefe seelische Einheit entfalten.

Symbol der Dankbarkeit und des Respekts

Idealerweise baut man Namasté sowohl am Anfang als auch am Ende der Yogastunde ein. Meistens legt man es ans Ende der Stunde, weil dann der Geist weniger aktiv und die Energie im Raum friedvoller ist. Der Yogalehrer leitet Namasté als Symbol der Dankbarkeit und des Respekts gegenüber seinen Schülern an und lädt diese im Gegenzug dazu ein, sich mit ihrer Linie von Lehrern zu verbinden. Dadurch ermöglichen sie der Wahrheit zu fließen – die Wahrheit, dass wir alle eins sind, wenn wir aus dem Herzen heraus leben.


Yogalehrer Aadil Palkhivala

Aadil Palkhivala ist einer der bekanntesten Yogalehrer der Welt. Bereits im Alter von sieben Jahren begann er sein Yogastudium bei B.K.S. Iyengar. Drei Jahre später lernte er Sri Aurobindos Yogastil kennen und wurde mit 22 Jahren „Advanced Yoga Teacher“. Palkhivala ist Gründer eines eigenen Yogastudios im US-Bundesstaat Washington, zertifizierter Heilpraktiker, Hypnotherapeut, Shiatsu-Massagetherapeut und Ayurveda-Spezialist.

Krisenbewältigung von den Göttern lernen

Krisenbewältigung

Die Unsicherheit und die Veränderung bestimmt 2020. Noch wissen wir nicht, wie sich die nächsten Monate gestalten werden. Zurück in die Krise? Auch die Götter müssen Krisenbewältigung betreiben – so manches erscheint nämlich selbst im Himmel ausweglos. Und doch geht es immer weiter… 

Krisenbewältigung mit Hilfe der Götter. Eigentlich ist es im indischen Götterhimmel wie in Comics: Die Bösen wollen die Weltherrschaft erlangen. Und die Guten ma­chen sich an die Arbeit, um deren Pläne zu vereiteln und um gerade zu rücken, was aus den Fugen geraten ist. Je dreister die Dämo­nen werden, desto phantasievoller müssen die Götter agieren, um die Welt wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Genauso müssen wir Menschen immer wieder Wege finden, Krisenbewältigung meistern, oder mit den Anteilen unserer Persönlichkeit zu Recht­ zukommen, die uns selbst im Weg stehen.

War das nur die Ruhe vor dem Sturm?

Gerade wenn wir denken, das Schlimmste läge hinter uns, dauert es manchmal nicht lange, bis die nächste Krise ins Haus steht. Vishnu ging es da nicht anders. Kaum hatte er den Dämon Hiranyaksha be­siegt, sann dessen jüngerer Bruder Hiranyakashipu auf Rache. Dabei bediente er sich Vishnus eigener Mittel. Bei den Göttern sind die Din­ge nämlich oft sehr einfach gestrickt! Wer Askese praktiziert, darf sich beispielsweise eine besondere Gabe als Belohnung aussuchen. Nachdem Hiranyakashipu lange meditiert hatte, wünschte er sich von Göttervater Brahma nichts anderes als Unbesiegbarkeit.

Das konnte dieser natürlich nicht zulassen. Brahma antwortete Hiranyakashipu: „Das kann ich nicht gewähren. Du kannst dir aber die Bedingungen deines Todes aussuchen.“ Hiranyakashipu wählte clever: „Ich will weder von Mensch noch Tier besiegt werden. Weder bei Tag noch Nacht sterben. Nicht drinnen und nicht draußen. Weder auf der Erde noch in der Luft.“ Dermaßen abgesichert dachte er, dass nichts mehr seinen Plan vereiteln könnte, Vishnu zu töten. In ähnlicher Weise versuchen wir selbst ja oft, uns vor Unwägbarkeiten abzusichern. Wie oft glauben wir, dass uns nichts mehr erschüttern kann, sobald wir unsere Schäfchen im Trockenen haben?

Sicherheit stellt sich als trügerisch heraus

Doch genau wie bei uns zu Hause wurden auch bei den Göttern die Dinge komplizierter. Kayadhu, die Frau des Damöns, gebar einen Sohn namens Prahlada. Und da dieser schon im Bauch von den himmlischen Mächten geschützt wurde, die nicht gegen Hiran­yakashipus unschuldige Frau kämpfen wollten, entwickelte er eine natürliche Liebe und Hingabe zu Vishnu. Das gefiel seinem Vater nun gar nicht und er versuchte, seinen Sohn zu töten. Doch jeder seiner Versuche scheiterte, da Prahlada unter Vishnus persönli­chem Schutz stand.

„Du und dein Vishnu!“, herrschte Hiranyakashipu seinen Sohn schließlich wütend an. „Wenn er wirklich so allmächtig ist, warum ist er dann nicht hier im Haus, zum Beispiel in dieser Säule?“ „Er war hier, ist hier und wird immer hier sein“, antwortete Prahlada. In dem Wissen, dass die Bestimmtheit seiner Liebe ihm ein Schild gegen alle Angriffe war. Das musste sein Vater dann auch auf schmerzliche Weise lernen. Denn als er vor Zorn mit seiner Axt die Säule zerschmetterte, erhob sich Vishnu aus den Trümmern. „Wer bist du, dass du dich mir entgegenstellen willst?“, rief Hiranyakashipu. „Ich bin unbesiegbar, das wirst du gleich spüren“ Doch Vishnu hatte seine Form als Narasimha angenommen, halb Mensch, halb Löwe. Wie es sich begab, war es gerade weder Tag noch Nacht sondern die Zeit der Dämmerung. So trug er den Dämon zur Türschwelle, zerrte ihn auf seinen Schoß und Hiranyakashipu fand sein Ende weder am Boden noch in der Luft.

Hoffnungsvolle Symbole

In dieser zunächst brutal klingenden Geschichte sind viele Bilder ver­steckt, die Mut machen. Prahlada hatte keine Angst vor den Drohun­gen seines Vaters, weil er wusste, dass schützende Kräfte ihn um­gaben. Diese Kräfte sind – das ist zumindest meine Überzeugung – auch immer um uns herum. Es mag in dunklen Zeiten bisweilen sehr schwierig sein, sie auf den ersten Blick zu erkennen. Doch wir fin­den immer wieder Hilfe und Unterstützung, oft aus dem scheinbaren Nichts. Und das müssen nicht immer Götter sein. Oft tauchen Men­schen auf und reichen uns die Hand, von denen wir es nicht erwartet hätten. Es gibt so viel, wofür wir dankbar sein können.

Ebenso wie die Götter in den Geschichten unsere inneren Stärken symbolisieren, stehen die Dämonen für unsere quälenden Gedan­ken, unsere tiefsten Ängste, die wir oft selbst nicht ergründen kön­nen. Sie stehen auch für Vorstellungen, die wir davon haben, wie die Dinge sein müssten. Hiranyakashipu wollte alles richtig machen, um sich endlich seiner perfekten Welt sicher sein zu können. Doch das Leben hatte anderes vor. Der Clou der Geschichte ist nämlich. Hiranyakashipu war nicht von Natur aus böse. Er und sein Bruder waren ursprünglich die Wächter von Vishnus Himmelreich. Und dorthin kehrten sie auch zurück, nachdem sie erlebt hatten, dass das Leben immer wieder eine neue Alternative birgt. Auch in schein­bar aussichtslosen Situationen.

Krisenbewältigung aus der Kraft der Mitte

Wenn etwas unmöglich und alternativlos erscheint, liegt die Lösung meist dazwischen. Wir müssen keinem bestimmten Bild entspre­chen. Krisenbewältigung ist zumindest im Götterhimmel leichter als gedacht. Vishnu hat es Prahlada gezeigt: Er ist immer da.


RALF STURMs Geschichten von den Göttern gibt es zusammen mit Yoga-Übungen von Katharina Middendorf im Buch und auf der CD “Götter-Yoga”. Mehr zu ihm und seiner Arbeit unter www.ralfsturm.de

Yin Yoga: Style Guide

Yin Yoga Meditation draußen Frau

Die Kunst des Loslassens. „Und ich soll gar nichts tun?“- „Genau, du bleibst in den Übungen passiv. Du lässt einfach die Schwerkraft für dich arbeiten.“ Diese Konversation findet oft mit Beginnern von Yin Yoga statt. Für viele ist es gewöhnungsbedürftig. Denn „Loslassen“ steht an oberster Stelle, sowohl körperlich als auch geistig.

Wahrscheinlich gibt es Yin Yoga schon seit Tausenden von Jahren. In der Hatha Yoga Pradipika wurden nur sechzehn Positionen beschrieben. Davon war etwa die Hälfte Yang- und die andere Yin-orientiert. Wirklich unter diesem Namen bekannt wurde es jedoch durch Paul Grilley. Er begann seinen Yogaweg 1979 mit den Yang-orientierten Stilen Ashtanga und Hot Yoga. Als er eines Tages im Fernsehen zufällig den flexiblen Kampfsportler Paulie Zink sah, nahm er Kontakt auf. Zink übte Yin Yoga, um verletzungsfrei zu bleiben. Wenig später wurde Grilley Zinks Schüler. Sein Weg führte ihn außerdem zu Dr. Hiroshi Motoyama und der Meridianlehre. Paul Grilley brachte Anatomie, die Lehren des Dao, Yoga und der Meridiane zusammen. So entwickelte er Yin Yoga, was viele als Ausgleich schätzen.

Yoga und Yin: Wie passt das zusammen?

Nach meiner Yogalehrer-Grundausbildung besuchte ich Fortbildungen. Ich wollte mir ein größeres Yogawissen aneignen. Wenn ich einen Workshop ausließ, meinte ich, irgendetwas zu verpassen. Dabei bin ich auf unterschiedliche Meinungen gestoßen. Der eine Lehrer sagt: tue dies und lasse das. Der nächste sagt das Gegenteil. Wenn man nicht bei einem Yogastil bleibt, ist die Verwirrung groß. Dann habe ich Yin Yoga kennengelernt und gleich gespürt, wie sich mein Körper regelrecht nach diesem sanften Yogastil gesehnt hat. Als Paul Grilley in Deutschland eine Yin-Yoga-Ausbildung anbot, wollte ich dabei sein. Die Ausbildung bei diesem herausragenden Lehrer mit seinem großen Anatomie-Wissen hat meinen Yogahorizont erweitert. Und ich habe eine bisher nicht gekannte Ruhe gefunden.

In allen Lebensbereichen ist es wichtig, ein gesundes Maß zu finden. So kommt man in die eigene Mitte. Dazu braucht man Yin genauso wie Yang. Deutlich wird dies anhand des daoistischen Symbols, das einen Kreis mit zwei gleichen Hälften darstellt. Auf jeder Hälfte ist ein kleiner Teil der anderen Hälfte wieder zu finden. Die schwarze Seite steht für Yin, die weiße für Yang. Zusammen sind Yin und Yang eine Einheit. Das eine könnte ohne das andere nicht existieren.

Auf körperlicher Ebene werden die elastischen Körperteile dem Yang zugeordnet. Und die harten, unelastischen wie Knochen dem Yin. Um die gesamte Einheit zu erreichen, arbeitet man mit Muskeln, Knochen und Gelenken. Auf gesundheitlicher Ebene wirkt Yin Yoga, weil die Meridiane aktiviert und gereinigt werden. So kann man Yin Yoga mit einer Akupunkturbehandlung vergleichen. Durch Blockaden lösen kommt der Chi-Fluss in Balance. Dabei kann man den Fokus entweder auf ein bestimmtes Organ legen, wie zum Beispiel die Leber, oder man versucht, so vielseitig wie möglich zu praktizieren, um den gesamten Chi-Fluss im Körper und somit alle Hauptmeridiane zu aktivieren.

Die im Westen bekannten und beliebten Yogastile sind meist stark Yangorientiert, zum Beispiel Vinyasa Flow, Power und Ashtanga Yoga. Sie werden aktiv und kraftvoll ausgeführt und der Fokus liegt auf den Muskeln. Im Yin Yoga werden die Asanas dagegen passiv und ganz ohne Kraft geübt. Nicht die Muskeln, sondern die tieferen Schichten im Körper sollen angesprochen werden. Die Übungen werden über einen Zeitraum von 3 bis 5 Minuten gehalten. Fortgeschrittene können beliebig lange in den Positionen bleiben. Durch dieses lange Halten wird der Chi-Fluss im Körper harmonisiert. Bei Menschen, die zu wenig Energie haben, wird der Energiefluss angeregt. Bei zu viel Chi, das ebenso schädlich sein kann wie zu wenig, wird der Chi-Fluss ausbalanciert. Ein ausbalancierter Chi-Fluss ist wichtig für die Gesundheit von Körper, Geist und Seele.

Yin und Yang

Das ist ein Begriffspaar aus der chinesischen (daoistischen) Philosophie. Die Begriffe beschreiben einander entgegengesetzte und sich ergänzende Prinzipien. Das im Symbol schwarz dargestellte Yin steht für das empfangende, passive, weibliche Prinzip und wird mit Adjektiven wie „dunkel, innen, langsam, kalt“ umschrieben. Dagegen steht das weiß dargestellte Yang für gebend, aktiv, männlich, hell, außen, schnell und heiß. Im Wechselspiel der beiden Prinzipien entfaltet sich das Leben in all seinen sich ständig wandelnden Phänomenen.

Weitere Wirkungsweisen von Yin Yoga

Yin Yoga macht gerade diejenigen Gelenke, denen im Alltag wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, geschmeidiger. Yin Yoga verlangsamt den altersbedingten Gelenkverfall. Die Wirbelsäule bekommt durch die Übungspraxis Impulse, sich zu regenerieren. Bei den meisten Menschen sind die Kurven der Wirbelsäule durch stundenlanges Sitzen verkümmert. Rückenschmerzen sind inzwischen Volkskrankheit. Yin Yoga kann dem entgegenwirken. Ein weiterer Vorteil ist die Wirkung auf die Faszien. Rückenschmerzen werden selten von der Wirbelsäule selbst ausgesendet, sondern eher vom umliegenden Bindegewebe. Die Faszien umgeben den ganzen Körper. Auch Muskeln, Sehnen, Bänder, Gelenke, Knochen und Nervenbahnen. Wenn man die Faszien durch Dehnung sanft beansprucht, wirkt sich positiv auf eventuelle Schmerzen aus. So können diese gelindert oder sogar geheilt werden. Verbessert sich die Flexibilität trotz muskelorientierter Yogapraxis nicht wirklich, so ist man durch die Dehnung der Faszien häufig erfolgreicher.

Die Übungen

Die meisten Positionen werden im Sitzen oder Liegen ausgeführt. Hauptsächlich wird der Bereich zwischen Knien und Brustwirbelsäule angesprochen. Die Auswahl an Asanas ist geringer als im klassischen Yoga. Sie reicht aber aus, um sämtliche Bereiche des Körpers anzusprechen. Persönliche Variationen sind dabei immer möglich. Yin Yoga steht nicht in Konkurrenz zu den anderen Yogastilen, sondern bildet die perfekte Ergänzung dazu.

Wenn man seine Mitte finden möchte, braucht man sowohl Yin als auch Yang. Yin und Yang sollte man allerdings nicht mischen. Das bedeutet, dass Yin-Positionen nicht mit angespannten Muskeln und Yang-Positionen nicht mit entspannten Muskeln ausgeführt werden. Die Schönheit dieses Übungsstils liegt unter anderem darin, dass man die Dauer und Intensität ganz nach eigenem Empfinden bestimmt. Eine gute Yin-Yoga-Sequenz bringt Ruhe und Energie zugleich. Westliches Yoga übersieht, dass jeder Körper einzigartig ist. Jeder Mensch hat einen Knochenbau, den es kein zweites Mal gibt. Deshalb wird kein Yogaübender eine Asana genau gleich wahrnehmen wie ein anderer. Der eigene Körper ist unser wichtigster Yogalehrer. Man muss herausfinden, wie er funktioniert. Handelt es sich bei körperlichen Begrenzungen um Verspannungen oder vielleicht um Kompression?

Hierzu ein Beispiel. Jahrlang steckte ich im Bezug auf die Kopf-zu-Knie Haltung fest. In den Lehrbüchern liegt der Oberkörper dabei auf den Oberschenkeln. Immer wieder habe ich an dieser Position gearbeitet. Trotzdem wollte mein Oberkörper nicht zu meinen Oberschenkeln. Ich versuchte es mit Geduld weiter.Erst meine Ausbildung bei Paul Grilley zeigte mir, dass das in meinem Fall nie passieren wird. Der Grund dafür ist die Kompression meiner Knochen, die es mir nicht erlaubt, die Übung klassisch einzunehmen. Heute umgehe ich diese Kompression, indem ich meine Beine etwas weiter öffne. So stoßen die Beckenknochen und die Oberschenkel in einem anderen Winkel aufeinander. Das sieht nicht mehr so aus wie im Lehrbuch, aber diese kleine Veränderung bringt mir den vollen Nutzen der Übung.

Jeder Mensch ist einzigartig und sollte entsprechend behandelt werden. In welchem Ausmaß sich das auf den persönlichen Yogastil auswirkt, habe ich erst durch Yin Yoga verstanden. Das, was dem einen gut tut, kann mit einem anderen Körperbau schädlich sein. Dies sollte in jeder Yogapraxis berücksichtigt werden. Nur so kann man die Verletzungsgefahr verringern. Yin Yoga gibt diesen Freiraum.

Tiefer Gehen

Yin Yoga ist ein sehr ruhiger und meditativer Übungsstil. Durch das lange Halten der Asanas können positive und negative Emotionen aufkommen. Das Ausharren lehrt uns, mit damit umzugehen und dabei ruhig zu bleiben. Wenn zum Beispiel Wut oder Ärger aufkommen, kann man diese Gefühle annehmen und durch die Meditation neutralisieren. Gerade Anfänger werden oft mit Langeweile konfrontiert. Es lohnt sich, auszuhalten und zu erforschen, was dahinter steckt. Unsere Welt ist sehr schnelllebig. Das Gedankenkarussell kommt selten zum Stillstand. Langeweile muss kein negatives Gefühl sein. Man kann dieses Nichtstun-Müssen für tiefe Erholung und Entspannung nutzen.

Im Yin Yoga übt man ohne aktive Muskulatur. Die Asanas sind passiv. So sinkt man sich so weit in die Positionen  wie die Knochen es zulassen. Obwohl es sich um eine sanfte Übungspraxis handelt, ist die Wirkung kraftvoll. Deshalb sollte man es gerade als Anfänger nicht übertreiben. Auch im Yin Yoga kann man über seine Grenzen hinausgehen. Drei Minuten sind eine gute Einstiegszeit. Je länger man dabei ist, desto mehr kann man diese Übungszeit steigern. Der Körper öffnet sich nach eineinhalb Minutenund gibt seine Rebellion auf. Man kann die Positionen jedoch jederzeit verändern. So kann man zum Beispiel in der Position Eidechse die Beine weiter auseinander nehmen, wenn der Körper bereit ist. Dafür gibt der Körper die Signale. Es ist wichtig, sie ernst zu nehmen. Im Yin Yoga gibt es kein Richtig oder Falsch. Denn jeder Körper anders und einzigartig ist. Jeder Mensch hat eine natürliche Körperintelligenz, die es zu respektieren gilt.

Die Besonderheiten von Yin Yoga

Ein wichtiger Aspekt ist, dass die Wirbelsäule im Yin Yoga niemals gerade sein sollte. Je gebeugter sie ist, desto intensiver ist die Dehnung der tieferen Schichten. In muskelorientierten Yogastunden die aufrechte Haltung wichtig. Dadurch wird die Kraft im Rücken stärker aktiviert. Im Yin Yoga ist das Gegenteil der Fall. Hier soll die Wirbelsäule gebeugt sein. Die beiden ergänzen sich perfekt.

Eine neue Erfahrung beim Yin Yoga ist das Empfinden nach dem Auflösen der Position. Die Knochen und Gelenke fühlen sich fast zerbrechlich an. Dieses Gefühl hält nicht lange an und ist ein positives Zeichen. Es bedeutet, dass die Regeneration in den tieferen Schichten angekommen ist. Wenn dieses erste Gefühl vorbei ist, sollte eine tiefe Entspannung, Wärme oder Energie durch den Körper gehen. Das Chi fließt verstärkt. Dieser intensive Chi-Fluss begünstigt auch die Regeneration bei Verletzungen.

Persönliches Wunder durch Yin-Yoga

Von der kürzeren Regenerationszeit durch Yin Yoga konnte ich mich persönlich überzeugen. Bei einer Achterbahn-Fahrt hatte ich mir einen Bandscheibenvorfall zugezogen. Der Arzt sagte mir eine Regenerationszeit von etwa zwei Jahren voraus. Intuitiv begann ich  während der Regenerationszeit mit Yin Yoga. So konnte ich mich langsam an die Bewegungen herantasten. Ich konnte auch durch Yin eine Wirkung zu erzielen. Nach nur drei Monaten war ich wieder beschwerdefrei und konnte meine Yogapraxis weiterführen. Yin Yoga ist seitdem fester Bestandteil meiner Praxis. Meiner Erfahrung nach wird Yin Yoga dankbar angenommen. Sie begrüßen es, in der heutigen Yang-bestimmten Welt einfach mal vollkommen abzutauchen.


Text: Stefanie Arend, Foto von Natalie von Pexels

Yoga-Pionierinnen: Asanas mit Vanda Scaravelli

Vanda Scaravelli

In unserer Reihe „Yoga-Pionierinnen“ stellen wir bedeutende Persönlichkeiten aus dem Yoga vor. Frauen, die Yoga in den Westen trugen und beharrlich dabei mitwirkten, Asanas, Meditation und Philosophie für jeden, und eben ganz besonders für Frauen, zugänglich zu machen. Wie beispielsweise Vanda Scaravelli.

Vanda Scaravelli (1908-1999) ist eine der Grandes-Dames des Yoga. Vermutlich ohne je auf einem Surfboard gestanden zu haben, sah sie Yoga als Übung darin, die Wellen des Atems und des Lebens anzunehmen. Individuelle Anmut und persönliche Freiheit sind bis heute Kernelemente des Scaravelli Yoga. Vanda Scaravelli war dafür bekannt, nur wenige Schüler auszubilden. Dafür betreute sie jeden einzelnen individuell. Bis heute kann man kaum von einer „Szene“ sprechen. Das von ihr inspirierte Yoga wird in Europa vor allem in Großbritannien und Italien unterrichtet. In Deutschland bieten hauptsächlich die Lehrerinnen Milena Willbrand (Aachen), Alke von Kruszynski (Hamburg) und Svenja Becker (Berlin) Scaravelli Yoga an.

Himmelhoch beugend

„Ich habe Vanda Scaravelli über zehn Jahre beim Üben beobachtet, und jedes Mal war es so, als sähe ich zum ersten Mal eine Rückbeuge. Ich sah und hörte zu, wie diese gleichzeitig kraftvolle und zierliche Frau Mitte 80 ihre riesigen Füße auf dem Boden platzierte und darüber sprach, Wurzeln zu schlagen. Anschließend bog sie sich mit einer ryhthmischen, wellenförmigen Bewegung weit nach hinten. Und erzählte von sich ausbreitenden Flügeln, hochfliegenden Vögeln und Liebe. Dann kam sie wieder hoch, um sich sofort wieder nach hinten zu beugen. Immer vor und zurück, als ob sie es für immer tun könnte.“ – Esther Myers, enge Schülerin Scaravellis

Einfach sein: Yoga im Alter

„Yoga ändert nichts an unserem Alter, das ist einfach da. Oft schützen sich alte Menschen vor vielen Dingen und werden zusätzlich von anderen Menschen abgeschirmt – das kann dazu führen, sich vom Leben zu entfernen. Dadurch nutzen sie immer weniger von ihren Erinnerungen und den Fähigkeiten ihres Körpers. Arme und Beine sind jedoch da, um sie einzusetzen! Das sollte nicht auf morgen verschoben oder gar aufgegeben werden. Ziehe dich nicht zurück, verliere nicht den Kontakt zu Menschen und zum Leben, das so viel zu bieten hat. Verliere nicht den Kontakt zur Schönheit. Manche Menschen haben die Tendenz, Ältere an den Rand zu drängen. Das ist nicht notwendig. Lebe, solange du am Leben bist! Teile deine Energie, deine Weisheit, deine Gefühle. Aber verschleudere sie nicht. Sei einfach. Das ist sehr gesund.“

Vanda Scaravelli fand mit Mitte 40 zum Yoga und praktizierte bis zu ihrem Tod mit 91 Jahren täglich.

Vanda Scaravelli


Fotoquelle: Rob Howard, Pinter & Martin