Lion’s Gate – Mythos, Symbol oder kosmisches Portal?

lions gate symbolbild

Warum reden plötzlich alle über das Lion’s Gate? Kaum beginnt der August, scheint es in den sozialen Medien (zumindest in unserer Bubble) kaum ein anderes Thema zu geben: Das Lions Gate öffnet sich. Es ist die Rede von einem kraftvollen Energieportal, von Manifestation, Fülle und tiefgreifender Transformation. Für die einen ist der 8. August ein jährlicher Höhepunkt ihrer spirituellen Praxis, für die anderen nur ein weiterer New-Age-Trend.

Doch was verbirgt sich eigentlich hinter diesem Begriff? Gibt es eine astrologische Grundlage für das Lion’s Gate – oder handelt es sich vielmehr um ein modernes spirituelles Narrativ, das verschiedene Traditionen miteinander verbindet?

Ein genauerer Blick zeigt: Die Geschichte des Lion’s Gate ist weitaus vielschichtiger als viele Beiträge in den sozialen Medien vermuten lassen. Sie führt von den Sternen über die Symbolik des Tierkreiszeichens Löwe bis hin zu alten Kulturen, moderner Numerologie und der Frage, warum wir Menschen bestimmten Zeitpunkten eine besondere Bedeutung zuschreiben.

Vielleicht liegt die eigentliche Faszination des Lion’s Gate aber gar nicht darin, ob sich an einem bestimmten Tag tatsächlich ein kosmisches Portal öffnet. Sondern darin, dass solche symbolischen Momente uns dazu einladen, innezuhalten, unsere Ausrichtung zu überprüfen und bewusst neue Intentionen zu setzen – eine Praxis, die auch im Yoga seit jeher ihren Platz hat.

Was ist das Lion’s Gate überhaupt?

Nach heutiger spiritueller Auffassung erstreckt sich das Lion’s Gate vom 26. Juli bis zum 12. August und erreicht seinen Höhepunkt am 8. August. Seinen Namen verdankt das Lion’s Gate dem Tierkreiszeichen Löwe, durch das die Sonne in dieser Zeit wandert. Er steht unter anderem für Kreativität, Selbstbewusstsein, Lebensfreude und den Mut, den eigenen authentischen Ausdruck zu finden.

In der modernen spirituellen Astrologie wird das Lion’s Gate als eine Phase erhöhten Bewusstseins und innerer Wandlung verstanden. Ihm wird zugeschrieben, den Zugang zur eigenen Intuition zu erleichtern und Prozesse der persönlichen Entwicklung zu unterstützen. Viele Menschen nutzen diese Zeit, um neue Ziele zu formulieren oder sich bewusst mit ihren Herzenswünschen auseinanderzusetzen. Die Löwe-Energie gibt dann den nötigen Schwung, den eigenen Weg mutig zu gehen.

Darüber hinaus bezieht sich das Lion’s Gate auf den Stern Sirius, den hellsten Stern am Nachthimmel. Sein jährlicher heliakischer Aufgang – also das erste Sichtbarwerden am Morgenhimmel nach einer Phase der Unsichtbarkeit – spielte bereits im Alten Ägypten eine wichtige Rolle, da er mit der bevorstehenden Nilüberschwemmung und damit mit Erneuerung und einem neuen Jahreszyklus verbunden war. Ergänzt wird diese Symbolik durch die Numerologie: Die Zahl Acht steht unter anderem für Balance, Kraft, Fülle und den stetigen Fluss von Geben und Empfangen. Das Datum 8.8. wird deshalb als besonders kraftvoll interpretiert.

Ein modernes spirituelles Ritual

Erst die Verbindung dieser verschiedenen Bezüge – der Sonne im Löwen, der Bedeutung von Sirius und der numerologischen Symbolik des Datums – ergibt das, was heute als Lion’s Gate-Portal bezeichnet wird. Diese Deutung ist jedoch keine überlieferte Tradition aus einer einzelnen Kultur, sondern eine vergleichsweise junge spirituelle Synthese. Sie verbindet astronomische Beobachtungen, astrologische Symbolik und numerologische Vorstellungen zu einem modernen Ritual, das vor allem seit den 1990er-Jahren im englischsprachigen New-Age-Kontext Verbreitung gefunden hat.

Das schmälert nicht zwangsläufig den persönlichen Wert, den Menschen dem Lion’s Gate beimessen. Und irgendwie ist es doch auch spannend, wie sich spirituelle Traditionen im Laufe der Zeit weiterentwickeln, neu interpretiert und an die Bedürfnisse der Gegenwart angepasst werden. Oder?

Zwischen Symbol und Selbstreflexion: Was Yoga mit dem Lion’s Gate verbindet

Unabhängig davon, ob man das Lion’s Gate als astrologisches Ereignis, spirituelles Ritual oder schlicht als symbolischen Zeitpunkt betrachtet: Seine eigentliche Bedeutung entsteht für viele Menschen durch die bewusste Hinwendung nach innen. Genau hier berührt es eine Haltung, die auch im Yoga eine zentrale Rolle spielt.

Denn seit jeher geht es im Yoga um Bewusstheit, Ausrichtung und die Fähigkeit, den eigenen Geist zu beobachten. Bestimmte Momente im Jahresverlauf oder im persönlichen Leben können dabei als Erinnerung dienen, innezuhalten und sich neu auszurichten. Nicht der Zeitpunkt selbst muss dabei die Veränderung bewirken – vielmehr entsteht durch die bewusste Aufmerksamkeit ein Raum für Reflexion.

Eine Praxis zum Lion’s Gate könnte deshalb ganz unterschiedlich aussehen: eine Meditation, eine Journaling-Übung, eine achtsame Yogastunde oder einfach ein Moment der Stille und Kontemplation. Die zentrale Frage wäre dabei nicht unbedingt: „Was möchte ich manifestieren?“, sondern vielmehr: „Was möchte ich in mir stärken? Was darf wachsen, was darf gehen?“

In diesem Sinne kann das Lion’s Gate als modernes Ritual eine ähnliche Funktion erfüllen wie viele andere bewusste Übergänge: Es schafft einen markierten Moment im Alltag, an dem wir innehalten und unsere Aufmerksamkeit wieder auf das Wesentliche richten. Die Kraft liegt dabei weniger in einem äußeren Ereignis als in der Qualität der Begegnung mit uns selbst.

Manifestation oder Bewusstheit? Die yogische Perspektive

Das Lion’s Gate wird in vielen spirituellen Kreisen mit Manifestation verbunden: mit dem Setzen von Intentionen, dem Anziehen bestimmter Lebensumstände und der Vorstellung, dass eine besondere kosmische Zeitqualität persönliche Veränderung unterstützen kann. Diese Sichtweise kann für viele Menschen inspirierend sein – insbesondere dann, wenn sie dazu anregt, sich mit den eigenen Wünschen, Werten und Lebenszielen auseinanderzusetzen.

Aus der Perspektive des Yoga lohnt sich jedoch eine weiterführende Frage: Geht es bei innerer Transformation tatsächlich darum, das Gewünschte zu bekommen oder vielmehr darum, die eigene Beziehung zum Leben zu verändern?

Die yogische Tradition richtet den Blick weniger auf die Erfüllung äußerer Vorstellungen, sondern auf Bewusstheit, Selbstreflexion und die Erkenntnis der eigenen inneren Muster. Das Konzept von Svadhyaya, der Selbsterforschung, lädt dazu ein, die eigenen Gedanken, Überzeugungen und Reaktionen aufmerksam zu betrachten. Veränderung entsteht dabei nicht allein durch den Wunsch nach einem anderen Ergebnis, sondern durch ein tieferes Verständnis des eigenen Seins.

Das eigentliche Portal liegt in uns

Das bedeutet nicht, dass Intentionen oder Visionen keinen Platz im Yoga haben. Im Gegenteil: Eine klare innere Ausrichtung kann ein kraftvolles Element der Praxis sein. Entscheidend ist jedoch die Haltung dahinter. Zwischen dem Gedanken „Ich muss nur richtig manifestieren, dann wird alles geschehen“ und einer bewussten Ausrichtung im Sinne von „Ich richte mein Handeln auf das aus, was mir wirklich entspricht“ liegt ein wesentlicher Unterschied.

Vielleicht liegt genau darin eine zeitgemäße yogische Betrachtung des Lion’s Gate: nicht in der Erwartung eines äußeren Impulses, der unser Leben verändert, sondern in der Einladung, selbst präsent zu werden. Rituale und symbolische Zeitpunkte können Türen öffnen – doch durch diese Türen gehen müssen wir selbst.


Du interessierst dich für Astrologie? In dieser Podcastfolge geht es um die kraftvolle Verbindung von Astrologie und Yoga:

Titelbild: KI-generiert via CanvaAI, Mason Blake/Pixabay, KELLEPICS/Pixabay

Ayurveda meets Thai: Rezept für ein Rotes Gemüse Curry

rotes thai curry gemüse

Die thailändische und die ayurvedische Küche haben nicht nur die farbenfrohe und liebevolle Zubereitung gemeinsam. Auch historisch gibt es eine interessante Verbindung, denn die indisch geprägte Mon-Kultur war ab dem 6. Jahrhundert der Vorläufer des heutigen Thailand. Durch Handelsbeziehungen mit Indien gab es somit sehr frühen Kontakt zwischen Buddhismus und Brahmanismus.

Text: Volker Mehl

Dies erklärt auch die kulinarischen Ähnlichkeiten beider Kulturen. In Bezug auf die ayurvedische Küche gibt es jedoch auch Unterschiede, besonders in Bezug auf bestimmte Gewürze und den Grad der Schärfe. Ist die thailändische Küche ähnlich der indischen oft äußerst scharf – besonders für europäische Geschmäcker – sind die ayurvedischen Rezepte ausgleichender und milder gestaltet. Zu viel Schärfe kann nämlich ein zu starkes Ansteigen des Pitta-Doshas mit Gefühlen von Brennen bis hin zu Ohnmacht auslösen. Vorbeugend gilt hier „Weniger ist mehr“ …

Aus ayurvedisch-therapeutischer Sicht ist Curry, das sowohl in der ayurvedischen als auch der Thai-Küche eine wichtige Rolle spielt, eine wahre Quelle gesundheitsförderlicher Gewürze – vor allem im Sinne einer regelmäßig funktionierenden Verdauung, damit sich keine Schlackenstoffe im Körper ansammeln können. Hier eine kleine Aufstellung dreier typischer Gewürze samt ihrer Wirkung, die man für ein Curry verwendet. Im folgenden Rezept gehen sie eine wohlschmeckende thai-ayurvedische Fusion ein.

Bockshornklee

Hier verwendet man den Samen der Pflanze. Er ist ein gutes Stärkungsmittel bei Schwächezuständen, vor allem bei Problemen des Nerven- und Genitalsystems. Zu Brei zerstoßen fördert er das Haarwachstum und bei Müttern die Milchbildung. Aufgrund seiner positiven Wirkung auf die Verdauung setze ich ihn oft bei der Herstellung von Currys ein. Als Aufbaumittel kann man täglich drei Teelöffel des Pulvers in warmer Milch zusammen mit Honig trinken.

Fenchelsamen

Eines der besten Mittel bei Blähungen oder Magenkrämpfen, daneben regt er ebenfalls die Milchbildung an. Fenchel beruhigt die Nerven: Sein Aroma wirkt positiv auf den Geist und das Konzentrationsvermögen. Bei Nieren oder Blasenproblemen wird er oft zusammen mit Koriander eingesetzt. Er hat den primären Geschmack süß und scharf mit einer kühlenden Energetik.

Koriander

Ein Klassiker der ayurvedischen Küche, ähnlich wie bei uns Petersilie. Eingesetzt wird er vor allem bei Gerichten mit Kartoffeln, Kohl und Linsen – aufgrund seiner kühlenden und neutralisierenden Eigenschaft auch bei heißen, scharfen Speisen. Weiterhin empfiehlt er sich bei Problemen mit den Nieren, Harnwegen, der frische Saft hilft bei Allergien. Koriander schmeckt primär bitter und scharf und besitzt eine kühlende Energetik.

 

Rezept: Rotes Gemüse-Curry

Zutaten für 4 Personen:

  • 4 EL Sesamöl
  • 500 ml Kokosmilch
  • 1 EL gekörnte Gemüsebrühe
  • 1 EL Sojasauce
  • 2 EL Fruchtessig
  • 2 TL Zucker
  • 3 Kaffir-Limettenblätter
  • 3 rote Paprika, in Streifen geschnitten
  • 500 g Karotten
  • 12 halbierte Babymaiskolben
  • 200 g Zuckerschoten
  • 1 rote Chili, entkernt und klein geschnitten
  • 15 Blätter Basilikum in feine Streifen geschnitten

Für die Currypaste:

  • 5 rote Chilis, entkernt und gehackt
  • 2 Stangen fein gehacktes Zitronengras
  • 1/2 TL gemahlener Koriander
  • 2 gehackte Limettenblätter
  • 1/2 TL gemahlener Kreuzkümmel
  • 1 TL Fenchelsamen
  • 1 TL getrocknete Bockshornkleeblätter
  • 2 TL frischer gehackter Ingwer
  • 1/2 TL Salz

Zubereitung des Currys:

Alle Zutaten im Mörser zerstoßen oder in einem Mixer fein pürieren.

Die Kokosmilch mit der gekörnten Brühe, Sojasauce, Essig und Zucker in einer separaten Schüssel vermischen.

Das Sesamöl in einer Pfanne erhitzen, die Chili und das Gemüse zugeben und alles 5 Minuten lang anbraten. Einen Esslöffel der Currypaste zugeben und gut verrühren.

Die Kokosmilch und die Limettenblätter zugeben und 5 Minuten lang einkochen lassen. Bei Bedarf mit der Paste nachschärfen.

 

Dieses Rezept stammt aus dem YOGA JOURNAL 05/2010.


Volker Mehl ist leidenschaftlicher Koch, Autor und ganzheitlicher Gesundheitsbegleiter. Seit seiner frühesten Kindheit begleitet ihn die Faszination für die Verbindung von Ernährung, Gesundheit und Wohlbefinden. Mehr zu Volker, seiner Arbeit und seinen Büchern unter volkermehl.com

Titelbild: Volker Mehl, Hintergrund KI-generiert

Probiere auch diese ayurvedischen Frühstücksrezepte:

Hamstrings – ein Blick auf die Anatomie der Beinrückseiten

hamstring stretch stehende vorwärtsbeuge

Irgendwie spielen die „Hamstrings“ im Yoga immer eine Rolle. Entweder sind sie zu wenig gedehnt oder chronisch überdehnt. Um welche Muskeln es bei der Oberschenkelmuskulatur überhaupt geht und welche Funktionen sie erfüllen, liest du hier.

Text: Jill Miller / Titelbild: GaudiLab via Canva

Vielleicht kennst du das noch aus dem Sportunterricht oder von einer ärztlichen Untersuchung. Um die Gelenkigkeit zu testen, sollte man zeigen, ob man mit den Fingerspitzen die Zehen berühren kann. Heute weiß man allerdings: Dehnbarkeit ohne Kraft ist beileibe kein erstrebenswertes Ziel. Mal abgesehen von den Verletzungsrisiken. Übermäßig gedehnte rückseitige Oberschenkelmuskulatur trägt auch dazu bei, dass sich die Hüfttbeuger verkürzen. Dann kippt das Becken zu weit nach vorne. Die Folge: Schmerzen im unteren Rücken.

Dennoch gelten mobile „Hamstrings“ im Yoga noch immer bei vielen Übenden als Ideal. Und umgekehrt hört man nicht selten: „Yoga ist nichts für mich, ich kann ja noch nicht mal meine Zehen berühren!“ Dabei ist im Grunde beides Quatsch. Viel wichtiger ist in der Oberschenkelmuskulatur die gesunde Balance aus Dehnung und Kraft. Nach dem Motto: stretch and strengthen. Um gezielt an beidem zu arbeiten und um zu verstehen, wie die Asanas genau diese Ausgewogenheit herstellen können, lohnt der Blick auf die Anatomie.

Die Anatomie der rückseitigen Oberschenkelmuskulatur 

Die Muskelgruppe an der Rückseite der Oberschenkel wird als ischiocrurale Muskulatur bezeichnet, manchmal bezogen auf ihre Funktion auch als Hüftgelenksextensoren. Alle Muskeln dieser Gruppe entspringen an den Sitzknochen (auch: Sitzbeinhöckern, Tuber ischiadicum), also am unteren Ende des Beckens. Von dort verlaufen sie entlang der Beinrückseite abwärts. Über lange Kreuzbänder in der Kniekehle sind sie mit dem Unterschenkel verbunden. In ihrer Funktion sind sie „biartikulär“. Das heißt, sie wirken auf zwei Gelenke ein – in diesem Fall Knie und Hüfte. Am Knie sind sie für das Beugen zuständig, an der Hüfte für die Streckung und das Nach-hinten-Kippen des Beckens.

rückseitige Oberschenkelmuskulatur
Illustration: Michelle Graham

1 Tuber Ischiadicum: Sitzknochen oder Sitzbeinhöcker, der untere Rand der Beckenrückseite.

2 Os Femoris: Der Oberschenkelknochen oder kurz Femur ist der längste und stärkste Röhrenknochen des Menschen.

3 Musculus Bizeps Femoris: Dieser zweiköpfige Muskel mit dem deutschen Namen Schenkelbeuger stellt den äußeren Teil der Oberschenkelrückseite dar. Der in der Abbildung sichtbare lange Kopf entspringt am Sitzknochen, der kürzere Kopf schmiegt sich an die untere Hälfte des Oberschenkelknochens. Gemeinsam enden sie in einer Sehne an der Außenseite des Knies, genauer am Wadenbein (Fibula). Die Aufgabe dieses Muskels ist neben Kniebeugung und Hüftstreckung die Außenrotation der Hüfte und des gebeugten Knies.

4 Musculus Semimembranosus: Der als Plattensehnenmuskel bezeichnete Teil der ischiocruralen Muskulatur beginnt als eine dicke, membranartige Sehne am Sitzknochen und setzt unten an der Innenseite des Knies an. Er bewirkt neben Kniebeugung und Hüftstreckung die Innenrotation am Hüftgelenk und dreht den Unterschenkel am gebeugten Knie nach innen. Außerdem dient er als faszialer Anker für den größten Muskel der Oberschenkelinnenseite, den Adductor Magnus.

5 Musculus semitendinosus: Auch der Halbsehnenmuskel entspringt am Sitzbeinhöcker. Er verjüngt sich in einer langen Sehne, die am innersten Teil der Knievorderseite ansetzt. Wie der Semimenbranosus ist er neben Kniebeugung und Hüftstreckung zuständig und die Innenrotation am Hüftgelenk. Wenn das Knie gebeugt ist, dreht er den Unterschenkel nach innen.

Dieser Artikel stammt aus dem YOGA JOURNAL 05/2018.


Jill Miller hat sich mit ihrem Programm „Yoga Tune Up“ in der Yoga- und Faszientherapie einen Namen gemacht. Mehr Info auf tuneupfitness.com


Du hast Schmerzen an der Beinrückseite? Diese Übungen können helfen:

Guru Purnima – der Vollmond, an dem wir unsere Gurus ehren (oder lieber nicht?)

Hast du schon mal von Guru Purnima gehört? 2026 fällt das Ereignis auf den Vollmond am 29. Juli. Es ist ein Tag, an dem Yogis und Yoginis ihre spirituellen, aber auch akademischen Lehrenden feiern und ihnen danken. Gerade heute, da der Guru-Begriff (zu Recht!) zunehmend kritisch hinterfragt wird, lohnt sich ein Blick auf seine ursprüngliche Bedeutung und die Geschichte hinter diesem traditionsreichen Fest.

Titelbild: FatCamera von Getty Images via Canva

Vielleicht ist dir in den sozialen Medien schon einmal aufgefallen, dass viele Yogalehrer*innen jedes Jahr an einem Vollmondtag im Sommer ihren Lehrer*innen danken oder sie ehren. Der Anlass dafür ist Guru Purnima, dessen Ursprung weit über die moderne Yogaszene hinausreicht.

Was ist Guru Purnima?

Guru Purnima ist ein spirituelles Fest, das am Vollmondtag (Purnima) des hinduistischen Monats Ashadha – meist im Juni oder Juli – gefeiert wird. Es ist den Lehrerinnen und Lehrern gewidmet, die ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Weisheit an andere weitergeben. Dabei sind nicht nur spirituelle Meister gemeint: Traditionell werden an diesem Tag auch akademische Lehrkräfte, Mentor*innen und andere Wegbegleiter*innen geehrt.

Das Sanskrit-Wort Guru wird meist als „derjenige, der die Dunkelheit vertreibt“ übersetzt. Die Silbe „gu“ bedeutet „Dunkelheit“ und meint die Dunkelheit der Unwissenheit. „Ru“ ist der „Vertreiber“. Ein Guru ist also jemand, der Orientierung gibt und andere auf ihrem Weg begleitet. Eine andere ethymologische Wurzel könnte auch die Silbe „gru“ sein, die übersetzt „gewichtig“ bedeutet. Dies würde noch mehr die Autorität des Gurus in der Lehrer-Schüler-Beziehung unterstreichen.

Guru Purnima wird im Hinduismus, Buddhismus und Jainismus auf unterschiedliche Art und Weise gefeiert und besitzt in allen drei Traditionen eine lange Geschichte. Im Yoga erinnert der Tag daran, wie wertvoll das Weitergeben von Wissen ist – und daran, den Menschen mit Dankbarkeit zu begegnen, die unseren eigenen Weg geprägt und inspiriert haben.

Die Ursprünge von Guru Purnima

Die Wurzeln von Guru Purnima reichen weit zurück. In der hinduistischen Tradition wird das Fest auch Vyasa Purnima genannt und erinnert an den Weisen Veda Vyasa (wörtlich „Ordner der Veden“), einen der bedeutendsten Gelehrten des alten Indien. Ihm wird traditionell zugeschrieben, die Veden geordnet und das Epos Mahabharata verfasst zu haben. Darüber hinaus gilt er als Autor oder Herausgeber zahlreicher Puranas und als wichtiger Vermittler spirituellen Wissens. Deshalb wird Vyasa bis heute als Urbild des spirituellen Lehrers verehrt.

Mit der Zeit entwickelte sich Guru Purnima zu einem Fest, an dem nicht nur Vyasa gedacht wird, sondern allen Lehrerinnen und Lehrern, die Wissen, Weisheit und Lebenserfahrung weitergeben.

Auch in der Yogatradition besitzt Guru Purnima eine besondere Bedeutung. Während in der klassischen hinduistischen Tradition Vyasa im Mittelpunkt steht, wird in der yogischen Überlieferung hingegen Guru Purnima häufig mit Adiyogi („der erste Yogi“) Shiva verbunden. Er erkannte in den sieben Saptarishis seine ersten würdigen Schüler. Zur Vollmondnacht nach der Sommersonnenwende soll er ihnen erstmals die Lehren des Yoga vermittelt haben und wurde so zum Adi Guru, dem ersten Lehrer des Yoga. Historisch belegen lässt sich diese Erzählung zwar nicht – sie ist eine spirituelle Überlieferung –, doch sie verdeutlicht den hohen Stellenwert, den das Weitergeben von Wissen in der Yogaphilosophie einnimmt.

Vollmond Meer
Foto: Exsodus von Getty Images via Canva

Wie wird Guru Purnima gefeiert?

Die Art, wie Guru Purnima begangen wird, unterscheidet sich je nach Tradition und kulturellem Kontext. Viele Menschen nutzen diesen Tag für eine bewusste Praxis: Sie meditieren, rezitieren Mantras, widmen sich spirituellen Texten oder nehmen an gemeinschaftlichen Zeremonien teil. In manchen Traditionen werden Lehrer mit Ritualen, Blumen oder Gaben geehrt. Andere feiern den Tag stiller – mit einer persönlichen Reflexion darüber, welche Menschen und Erfahrungen den eigenen Weg geprägt haben.

Im Yoga kann Guru Purnima eine Einladung sein, sich nicht nur an eine bestimmte Lehrperson zu erinnern, sondern auch die Bedeutung von Lernen, Weitergabe und innerem Wachstum zu würdigen. Denn die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden steht traditionell für einen lebendigen Prozess: Wissen wird empfangen, vertieft und schließlich weitergegeben.

Die Sache mit dem Guru – zu Recht umstritten

Grundsätzlich müssen wir natürlich unterscheiden: Ist die Rede von spirituellen Gurus oder von alltäglichen Lehrpersonen?

Denn im Sinne von letzterem ist das an sich ja eine sehr schöne Tradition. Wir alle haben bestimmt einige tolle Lehrpersonen gehabt, die unser Leben bereichert haben. Sei es die Grundschullehrerin in der 1. Klasse, die dir Mut zugesprochen hat, ein inspirierender Uni-Professor, der dir neue Chancen ermöglicht hat, oder eben eine Yogalehrerin, die dich schon viele Jahre auf dem Yogaweg begleitet. Das alles macht diese Menschen, wenn man so will, auch zu Gurus auf deinem Lebensweg. Sicher fallen auch dir an dieser Stelle einige Menschen ein, denen du unglaublich dankbar bist für das, was sie dir beigebracht oder was sie in dir gesehen und gefördert haben.

Problematischer ist das Ganze, wenn wir von spirituellen Guru-Personen sprechen. Vor allem dort, wo ein ungesundes Machtgefälle vorherrscht und besagter Guru kultartig idealisiert wird. Und das ist uns in vielen Yogatraditionen schon viel zu oft begegnet. Unethisches Verhalten, Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe sind leider keine Ausnahmefälle mehr. Zuletzt hat der Fall Deepak Chopra und seine Erwähnung in den Epstein-Files Aufsehen erregt. Im Anschluss daran haben wir im YOGAWORLD JOURNAL Nr. 03/26 den Artikel „Goodbye Guru“ veröffentlicht, in dem wir uns unter anderem die Frage gestellt haben, ob die Zeit der Gurus vorbei ist und was gute Lehrerschaft eigentlich ausmacht. Hier kannst du dir das Heft bestellen.

Was machen wir nun mit Guru Purnima?

Haben die Gurus es überhaupt noch verdient, dass wir sie feiern? Oder ist dieser Tag längst überflüssig geworden?

Im oben genannten Artikel haben wir dieses klare Statement von Kim Kassandra Schmid abgedruckt: „Lasst uns keine Gurus mehr auf Podeste stellen. Lasst uns Miteinander, Verbindung und Menschlichkeit aufs Podest stellen.“

Am Ende muss wohl jede*r für sich entscheiden, ob oder inwieweit er oder sie diese alte Tradition von Guru Purnima übernehmen möchte. Wir sollten aber auf jeden Fall die Augen offenhalten und die Machenschaften einzelner (meist männlicher) Gurus hinterfragen. Wir sollten weiterhin unsere Background-Checks machen, bevor wir ein vielversprechend klingendes Yogaseminar buchen. Wir sollten auf unser Bauchgefühl hören, wenn erste Alarmglocken klingeln. Und vielleicht am Ende des Tages lieber unser eigener Guru sein und uns an unsere Selbstwirksamkeit erinnern, statt uns von jemand anderem abhängig zu machen.

Leider haben es einzelne Herren in der Yoga- und Spiri-Szene geschafft, dass einigen von uns beim Wort „Guru“ inzwischen ein Schauer über den Nacken läuft. Falls es dir ähnlich geht, ist dieser Vollmondtag vielleicht der, an dem du – ganz harmlos – an die Grundschullehrerin zurückdenkst. Oder an den Professor. Oder die Yogalehrerin.

Mantra zur Inspiration: Om Sahana Vavatu

Klar ist: Die Beziehung zwischen Lehrperson und Schüler*in kann etwas sehr wertvolles sein, wenn sie unter den richtigen Motiven geführt wird. Um diese friedliche Intention zu wahren und aber trotzdem im Yoga-Kontext zu bleiben, finden wir dieses Mantra besonders passend:

Om Sahana Vavatu
Saha Nau Bhunaktu
Saha Viryam Karavavahai
Tejasvi Na Vadhitamastu
Ma Vidvisavahai
Om Shanti Shanti Shanti

„Om. Mögen wir alle beschützt werden.
Mögen wir alle genährt werden.
Mögen wir in Stärke erblühen und als Einheit arbeiten.

Mögen unsere Studien erhellend sein.
Mögen wir in Harmonie sein.

Om Frieden, Frieden, Frieden.“

Dieses Friedensmantra stammt aus der Taittiriya Upanishad und wird üblicherweise gemeinsam vor einer Yogastunde, einer Schulklasse oder vor dem Studium von Schriften rezitiert. Es soll eine harmonische und beschützte Beziehung zwischen Lehrer*in und Schüler*in herstellen. Gleichzeitig segnet das Mantra die Sache, die studiert wird und unterstützt den Prozess des Lernens.


Hier findest du einen ausführlichen Artikel zum Thema Machtmissbrauch im Yoga:

Wie sieht es aus, wenn zwischen Lehrperson und Schüler*in gar eine Liebesbeziehung entsteht? Hierzu ein spannender Artikel:

Aubergine all around the world – 3 köstliche Rezepte

Aubergine

Auberginen, Melanzani, Eierfrüchte, Eggplants: Im Supermarkt gibt es sie fast ganzjährig, aber jetzt im Juli ist Auberginen-Hauptsaison! Also schnell zugreifen und schwelgen in all ihren Formen und Farben. Wir zeigen dazu Rezepte aus aller Welt.

Text & Rezepte Erica Gebhart / Titelbild: SHVETS production von Pexels

Tipp

Die Bitterstoffe und der Wassergehalt von Auberginen lassen sich reduzieren, indem man sie in Scheiben geschnitten mit Salz bestreut und 30 Minuten ziehen lässt, dann abspült und mit Küchenpapier abtupft. Das Salz nimmt Wasser von der Oberfläche auf und sorgt dafür, dass die Auberginen beim Braten nicht zu viel Öl aufsaugen.

INDIEN

Auberginen-Curry mit Korianderöl

Auberginen-Curry Symbolbild, Bild: vm2002 via Canva
Foto: vm2002 via Canva

Zutaten für 4 Personen

1 große Aubergine, in Streifen geschnitten
1 große rote Zwiebel, gehackt
200 g Räucher-Tofu, gewürfelt
400 g gehackte Tomaten (Dose)
1 mittelscharfe Chilischote, gehackt
1 Bund Koriandergrün
sowie: Olivenöl, Salz, Pfeffer aus der Mühle, geräuchertes Paprikapulver, Garam Masala, Kreuzkümmel (gemahlen), Kurkuma (gemahlen), Honig, Sesamsamen, evtl. 200 g Paneer (Alternative: Mozzarella), zerbröselt

ZUBEREITUNG

1. Für das Korianderöl die Zweige waschen, trockenschütteln und mit der Hälfte der Chili und 2 EL Olivenöl pürieren.

2. Jeweils 1⁄2 TL geräuchertes Paprikapulver, Pfeffer, Garam Masala, Kreuzkümmel und Kurkuma ohne Fett in einer Pfanne rösten, bis die Gewürze duften. Dann 3 EL Olivenöl zugeben und Zwiebel darin glasig anbraten. Die vorbereiteten Auberginenstreifen (siehe Tipp oben) mit der restlichen Chili zugeben und unter Wenden bei starker Hitze mitbraten. Dann die Hitze reduzieren, die Tomaten angießen. 1 EL Honig einrühren und 15-20 Minuten köcheln lassen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

3. Tofu unterheben und weitere 5 Minuten ziehen lassen. Curry auf Tellern anrichten, mit Sesamsamen bestreuen, eventuell Paneer darüber verteilen und mit Korianderöl beträufeln. Dazu schmeckt Basmati-Reis und/ oder Naan (indisches Fladenbrot).

Wissenswertes

Auberginen sind reich an Antioxidantien, B-Vitaminen, Beta-Carotin und Vitamin C.
Auch die schlanken 25 Kalorienwert pro 100 Gramm können sich sehen lassen.
Weil Auberginen sich aber leicht mit Fett vollsaugen, steigt er beim Braten rapide an.
Deshalb sparsam mit Öl umgehen, am besten nur einpinseln.

MITTLERER OSTEN

Baba Ganoush (Auberginen-Dip)

Baba Ganoush, Aubergine, Symbolbild, Bild: Brent Hofacker von Alamy
Foto: Brent Hofacker von Alamy

Zutaten für 4 Personen

3 große Auberginen
2 Knoblauchzehen
2 EL Tahin (Sesampaste)
Saft von 1⁄2 Zitrone
3 EL Olivenöl
1 TL Kreuzkümmel (gemahlen)
einige Stängel Petersilie
sowie: Salz, Chiliflocken, Pfeffer aus der Mühle

ZUBEREITUNG

1. Den Backofen auf 200 Grad vorheizen. Auberginen waschen, längs halbieren und die Schnittseite mit einem Messer kreuzweise einschneiden. Auf ein mit Backpapier belegtes Blech legen, mit etwas Olivenöl bepinseln und im Backofen 30-40 Minuten backen, dabei einmal wenden.

2. Das abgekühlte Fruchtfleisch auslöffeln und mit den restlichen Zutaten pürieren. Wer die Baba Ganoush lieber etwas stückig mag, kann sie statt dessen auch nur mit einem Stampfer zerdrücken. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. Mit Petersilie, Olivenöl und Chiliflocken garnieren und als Dip zum Beispiel mit warmem Pita-Brot servieren.

MITTELMEERRAUM

Gefüllte Auberginen mit Granatapfelkernen

Gefüllte Aubergine mit Granatapfelkernen, Symbolbild, Bild: haoliang von Getty Images Signature
Foto: haoliang von Getty Images Signature

Zutaten für 4 Personen

4 mittelgroße Auberginen
150 g Berglinsen, gewaschen und abgetropft
1 Zwiebel, gehackt
1 Knoblauchzehe, zerdrückt
1 Zweig Rosmarin
1 Zweig Thymian
2 Lorbeerblätter
1 Granatapfel, Kerne herausgelöst
8 Scheiben würziger Bergkäse
1 EL frische, gehackte Petersilie
sowie: Olivenöl, Salz, Pfeffer aus der Mühle, orientalische Gewürzmischung

Tipp

Den Bergkäse kann man auch gut durch gewürfelten Feta oder Halloumi ersetzen.
Wer gerne eine dicke Käsekruste mag, nimmt grob zerteilten Ofenkäse.

ZUBEREITUNG

1. Die Auberginen waschen, der Länge nach halbieren und einen Großteil des Fruchtfleischs mit einem Löffel herauskratzen.

2. Zwiebel und Knoblauch in 2 EL Olivenöl glasig anbraten, dann Rosmarin, Thymian, Lorbeer, die Linsen, Pfeffer und 1 EL orientalische Gewürzmischung zugeben und alles kurz unter Wenden bei starker Hitze anbraten. Die Mischung mit Wasser bedecken und 10–15 Minuten bei reduzierter Hitze köcheln lassen, dabei immer wieder umrühren. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. Inzwischen den Backofen auf 180 Grad (Unter- und Oberhitze) vorheizen.

3. Die Kräuterzweige und den Lorbeer aus den Linsen nehmen und eventuell überschüssige Flüssigkeit abgießen. Das ausgelöste Fruchtfleisch der Auberginen hacken und unter die Linsen rühren, dann den Mix in die Auberginen-Hälften füllen. Jeweils 1 Scheibe Bergkäse darauflegen und 20 Minuten backen. Zum Servieren mit Granatapfelkernen und Petersilie-Blättchen bestreuen.

Dieser Artikel stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 05/25.


Federleicht ist die Schreibe unserer Food-Fee Erica Gebhart – und genauso heißt auch das Redaktionsbüro der freien Journalistin. Ganz wichtig: Von ihrem Schreibtisch darf es nie mehr als ein paar Schritte weit in die Küche sein.

Die Aubergine ist wirklich ein Allrounder-Gemüse! Falls du (wie wir) nicht genug von ihrer Vielseitigkeit bekommst, findest du hier noch zwei weitere inspirierende Rezepte:

Box Breathing – Atemtechnik für mehr Ruhe, Fokus und innere Balance

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Wenn wir gestresst sind, wird unser Atem oft flach und schnell. Fühlen wir uns hingegen ruhig und entspannt, verlangsamt sich auch unsere Atmung. Diesen Zusammenhang können wir bewusst nutzen. Eine besonders einfache und zugleich wirkungsvolle Methode ist das Box Breathing, auch als Square Breathing, Quadrat-Atmung oder im Yoga als Sama Vritti Pranayama bekannt.

Titelbild: Madalina Todica via Canva

Diese alte Technik wird nicht nur im Yoga praktiziert, sondern heute auch im Leistungssport, im Stressmanagement und in Berufen mit hoher mentaler Belastung eingesetzt. Das Beste daran: Du brauchst weder Vorkenntnisse noch Hilfsmittel – nur deinen Atem und ein paar Minuten Zeit.

Was ist Box Breathing?

Box Breathing ist eine Atemtechnik, bei der alle vier Atemphasen (Einatmen, Atem halten, Ausatmen, Atem halten) gleich lang sind. Die klassische Variante folgt einem Rhythmus von je vier Sekunden. Stell dir dabei ein Quadrat vor: Jede Seite steht für eine Atemphase. Daher stammt auch der Name „Box Breathing“. Ziel ist es, den Atem zu harmonisieren und dadurch Körper und Geist in Balance zu bringen.

Im Yoga entspricht diese Form der Atmung dem Prinzip von Sama Vritti, was aus dem Sanskrit übersetzt „gleiche Bewegung“ oder „gleichmäßiger Fluss“ bedeutet. Entscheidend sind dabei eine bewusste Aufmerksamkeit, ein gleichmäßiger Atemrhythmus und eine ruhige Atemfrequenz.

Warum diese Atemübung so wirkungsvoll ist

Ruhige, langsame Atemtechniken können die Aktivität des Parasympathikus unterstützen – jenes Anteils des Nervensystems, der mit Regeneration, Erholung und Entspannung verbunden ist. Besonders eine langsame, gleichmäßige Atmung steht in Studien mit einer verbesserten Regulation des autonomen Nervensystems sowie einer erhöhten Herzfrequenzvariabilität (HFV) in Zusammenhang. Die HRV beschreibt die natürliche Schwankung der Zeitabstände zwischen den Herzschlägen und gilt als ein Marker für die Anpassungsfähigkeit des Körpers an Stress.

Die Atmung wirkt dabei wie eine Brücke zwischen Körper und Geist: Indem wir den Atem bewusst verlangsamen, können wir körperliche Anspannung reduzieren und gleichzeitig den Geist beruhigen.

So funktioniert Box Breathing – Schritt für Schritt

Suche dir einen ruhigen Ort und nimm eine aufrechte, entspannte Sitzhaltung ein. Setze dich gerne erhöht, zum Beispiel auf ein Meditationskissen. Die Schultern und Arme bleiben locker, der Kiefer entspannt.

Schritt 1

Atme vier Sekunden ruhig durch die Nase ein.

Schritt 2

Halte den Atem für vier Sekunden.

Schritt 3

Atme vier Sekunden langsam und kontrolliert durch die Nase aus.

Schritt 4

Halte den Atem erneut für vier Sekunden.

Hintergrundfoto: Madalina Todica via Canva

Wiederhole diesen Atemzyklus für etwa drei bis fünf Minuten.

Mit zunehmender Übung kannst du die Dauer langsam auf fünf oder sechs Sekunden pro Atemphase verlängern – allerdings nur, wenn sich die Atmung dabei angenehm und mühelos anfühlt.

Nicht alle fühlen sich mit vier Sekunden Atemanhalten sofort wohl. Das ist völlig normal. Du kannst stattdessen mit einem Rhythmus von 3–3–3–3 oder sogar 2–2–2–2 beginnen und die Zeiten nach und nach verlängern.

Wichtig ist, dass alle vier Atemphasen gleich lang sind. Es sollte dabei ein ruhiger, gleichmäßiger Atemfluss ohne Anstrengung möglich sein.

Und noch eine Anmerkung: Es gibt auch Varianten dieser Atemübung, bei denen die Ausatmung durch den leicht geöffneten Mund erfolgt. Im Yogakontext empfehlen wir aber die Ausatmung durch die Nase. Die Nasenatmung bringt nämlich viele Vorteile mit sich: Zum Beispiel wird durch diesen etwas längeren und engeren Atemweg die Ausatmung natürlich verlangsamt. Zudem bleibt die Feuchtigkeit und Temperatur der Atemluft optimal reguliert und die Nasenhärchen bewegen sich am effizientesten mit, um Schmutz- und Staubpartikel aus dem Atemwegen fernzuhalten.

Wann eignet sich Box Breathing besonders?

Die Atemtechnik lässt sich nahezu überall anwenden:

  • morgens für einen ruhigen Start in den Tag
  • vor wichtigen Gesprächen oder Prüfungen
  • vor einer Yogapraxis oder Meditation
  • in stressigen Arbeitspausen
  • nach einem anstrengenden Tag
  • vor dem Einschlafen, wenn der Geist noch aktiv ist

Schon wenige Minuten können helfen, bewusst aus dem Autopiloten auszusteigen und den gegenwärtigen Moment wieder wahrzunehmen.

Gibt es Risiken?

Für gesunde Menschen ist Box Breathing in der Regel gut verträglich.

Vorsicht ist jedoch geboten bei:

  • schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • bestimmten Lungenerkrankungen
  • akuter Atemnot
  • Beschwerden beim Atemanhalten
  • Schwindel während der Übung

In diesen Fällen sollte die Übung angepasst oder auf Atemhaltephasen verzichtet werden. Wer unsicher ist oder Vorerkrankungen hat, sollte vor Beginn ärztlichen Rat einholen. Generell gilt: Der Atem sollte niemals erzwungen werden. Entspannung entsteht nicht durch Leistung, sondern durch Leichtigkeit.

Box Breathing und Yoga – mehr als nur eine Atemtechnik

Im Yoga gilt der Atem als Bindeglied zwischen Körper und Geist. In der Pranayama-Praxis geht es nicht nur darum, bewusster zu atmen, sondern auch darum, die Lebensenergie – Prana – zu lenken und auszugleichen.

Sama Vritti, die gleichmäßige Atmung, steht symbolisch für innere Stabilität und Balance. Indem Einatmung, Ausatmung und Atempausen harmonisch aufeinander abgestimmt werden, entsteht ein Gefühl von Ruhe und Zentrierung.

Box Breathing kann deshalb eine wunderbare Ergänzung zur Yogapraxis sein – sei es als Vorbereitung auf Asanas, als Einstieg in die Meditation oder als kurze Achtsamkeitsübung im Alltag.

Probier’s gleich mal aus!


Dich quälen Ängste oder Schlafprobleme? Dann kannst du auch diese Atemtechnik anwenden:

Die Wissenschaft der Balance – und wie du sie trainierst

Balance

Wackelig oder stabil? Schräg oder gerade? Ob wir gut im Gleichgewicht sind oder im nächsten Moment umzufallen drohen, spüren wir meistens ganz genau – aber wie funktioniert das eigentlich, dass der Körper sich in Bezug zu Raum und Schwerkraft ausrichtet und stabilisiert? Ann Swanson erklärt dir hier die Wissenschaft hinter der Balance.

Text: Ann Swanson / Titelbild: Jade Stephens via Unsplash

Jeder Yogi und jede Yogini kennt diese Tage, an denen man schon in einem schlichten Baum herumkippelt oder aus der dritten Heldenhaltung buchstäblich herausfällt. Aber selbst wenn das passiert: Wir sind immer noch dabei zu balancieren. Ein gutes Gleichgewichtsgefühl hilft uns bei den kleinsten Alltagsverrichtungen, zum Beispiel wenn wir eine Einkaufstasche tragen oder nach einer Vase ganz oben im Schrank greifen. Erst recht ist es bei komplexeren Bewegungen gefragt, etwa beim Tanzen, Fahrradfahren oder Stand-Up-Paddling. Umso wichtiger ist es, diese wichtige Fähigkeit nicht verkümmern zu lassen: Jedes Mal, wenn du in einer Yogahaltung um die Balance ringst, trainierst du jene Körpersysteme, die dir helfen, aufrecht und stabil in einer bestimmten Haltung zu bleiben – und letztlich auch durchs Leben zu gehen. Dabei sind vor allem drei von Bedeutung: das visuelle, das vestibuläre und das somatosensorische System – oder auf Deutsch: der Sehsinn, der Gleichgewichtssinn und der Tast- beziehungsweise Körpersinn.

„Genau wie Muskeln erst durch Beanspruchung stärker werden, profitiert auch der Gleichgewichtssinn davon, wenn du ihn immer wieder herausforderst.

Ann Swanson

Statische vs. dynamische Balance

Die Fähigkeit, aufrecht und mit guter Haltung stabil zu bleiben – etwa im Baum (Vrikshasana) – nennt man statische Balance. Ausschlaggebend für diese gut geerdete Aufrichtung ist neben den eben genannten Sinnen die sogenannte Propriozeption, also die Fähigkeit zu wissen, wo sich deine einzelnen Körperteile im dreidimensionalen Raum gerade befinden. Kleine Sensoren im gesamten Körper, vor allem in Muskeln und um die Gelenke herum, senden dazu ständig Informationen ans Gehirn. Indem wir uns achtsam bewegen und fordernde Gleichgewichtshaltungen üben, können wir diese Sensoren schärfen.

Dynamische Balance kommt immer dann zum Einsatz, wenn wir während einer Bewegung das Gleichgewicht halten müssen, etwa beim Gehen, wenn wir von einem kleinen Absatz herunterspringen oder durch den Sonnengruß fließen. Aber auch die Übergänge von einer statischen Haltung in eine andere, zum Beispiel von der Berghaltung (Tadasana) in die Heldenhaltung 3 (Virabhadrasana 3), erfordert dynamische Balance. Sobald wir nämlich einen Fuß von der Matte lösen, wird es tricky: Weil wir weniger Kontakt zum Boden haben (also weniger somatosensorische Information), müssen das visuelle und das vestibuläre System ausgleichend wirken, um den Wechsel von einer Position in eine andere zu meistern.

Man weiß: Die meisten Stürze passieren genau in diesen Übergängen, Richtungswechseln oder schnellen Bewegungen – und zwar nicht nur im Yoga, sondern auch im Alltag. Leben geschieht in ständiger Bewegung und Yoga hilft, uns an diesen ewigen Wandel anzupassen und ihn geschmeidiger zu meistern.

Dabei entstehen, wie neuere Forschungen zeigen, neue neuronale Verbindungen nicht nur in den fürs Gleichgewicht zuständigen Gehirnregionen, sondern auch dort, wo die kognitiven Fähigkeiten angesiedelt sind. Indem wir die Balance im Yoga gezielt trainieren, beugen wir also nicht nur Stürzen vor, wir erhalten auch auf lange Sicht die Plastizität des Gehirns, verbessern das Körpergefühl, Selbstvertrauen und Mut.

Drei Sinne für mehr Balance

Foto: Jade Stephens via Unsplash

Das Nervensystem integriert die Informationen von visuellem, vestibulärem und somatosensorischem System und übermittelt sie ans Gehirn. Dort werden diese Reize gebündelt, verarbeitet und die passenden Bewegungs- und Haltungsantworten gefunden. Das kannst du gezielt fördern.

Sehsinn

Die von Augen und Sehnerven ans Gehirn übermittelten visuellen Informationen helfen uns dabei, die Lage des Körpers im Raum zu bestimmen und ihn auszurichten. Im Yoga machen wir uns das mit einer besonderen Technik zunutze: Drishti. Indem du einen bestimmten, vor dir liegenden Punkt fixierst, kannst du dich in anspruchsvollen Gleichgewichtshaltungen besser stabilisieren. Der Grund: Ist der Blick fest, dann hat das Gehirn einen statischen Referenzpunkt, an dem es die nötigen Haltungsanpassungen ausrichten kann.

Übung:

Anstatt mit Drishti zu üben, kannst du auch einmal das genaue Gegenteil versuchen: Schließe im aufrechten Stand (Tadasana) einfach mal deine Augen. Ohne den visuellen Input wirst du dich sofort weniger stabil fühlen. Dabei kannst du auch beobachten, wie vestibuläres und somatosensorisches System versuchen, die fehlende Information auszugleichen.

Gleichgewichtssinn

Das vestibuläre System arbeitet mit einem kleinen, sehr komplexen Organ im Innenohr: dem Gleichgewichtsorgan (vestibulärer Apparat). Es besteht zum einen aus drei mit Flüssigkeit gefüllten, annähernd kreisförmigen Kanälen, den Bogengängen. Verändert der Kopf seine Lage, dann setzt das die Flüssigkeit in den Bogengängen in Bewegung.

Je nachdem, ob es nach oben, unten, rechts, links oder seitwärts geht, biegt die Flüssigkeit auf bestimmte Weise die feinen Sinneshärchen (Cilia) an einem oder mehreren Bogenausgängen um. Bewegen wir uns beispielsweise aus Tadasana in Virabhadrasana 3, also von der Senkrechten in die Horizontale, dann wird diese Lageveränderung im Innenohr in einem der Bogengänge die Flüssigkeit stärker bewegen als in den anderen, die Sinneshärchen nehmen diesen Reiz auf und geben ihn über den Gleichgewichtsnerv ans Gehirn weiter. Ob das langsam und kontrolliert geschieht, oder in einem beherzten Sprung oder Sturz, wird ebenfalls im Innenohr registriert: Die beiden unterhalb der Bogengänge liegenden, ebenfalls mit Flüssigkeit gefüllten Vorhofsäckchen (Otholitenorgane) reagieren auf Beschleunigungs- und Bremsbewegungen, die sie ebenfalls über den Gleichgewichtsnerv ans Gehirn melden.

Übung:

Nimm den vestibulären Input wahr, indem du mal bewusst mit den verschiedenen Reizen des Gleichgewichtsorgan spielst. Bewege dich zuerst langsam von Tadasana in die Heldenhaltung 3. Beim nächsten Mal stimulierst du die Sensoren zusätzlich: Bewege den Kopf in kleinen nickenden und verneinenden Bewegungen, während du zwischen dem aufrechten Stand und der Standwaage hin- und herwechselst. Vermutlich wirst du es so deutlich schwieriger finden, die Balance zu halten – ein super Training: Genau wie Muskeln erst durch Beanspruchung stärker werden, profitiert auch der Gleichgewichtssinn davon, wenn du ihn immer wieder herausforderst.

Körpersinn

Der Tastsinn, mit dem wir Berührungen an der Oberfläche des Körpers wahrnehmen, ist ein wesentlicher Teil eines viel komplexeren Systems: Das somatosensorische System erfasst nicht nur Druck, Schmerz, Bewegung und Temperaturveränderungen an der Haut (Oberflächensensibilität), es registriert Reize im gesamten Körper (griechisch: soma).

Bei den Informationen aus dem Körperinneren, vor allem an Muskeln und Gelenken, spricht man von Tiefensensibilität oder Propriozeption: Sie ermöglicht es uns, die Lage der einzelnen Körperteile zueinander und im Raum zu bestimmen und zu steuern.

Übung:

Auch dieses System kannst du durch bewusste Beanspruchung trainieren. Das geht ganz einfach: Statt auf einem festen, stabilen Untergrund übst du auf einer dicken Decke, im Sand oder auf einem Wackelbrett. Das trainiert insbesondere die neuromuskuläre Wahrnehmung und hilft dir, Unsicherheiten leichter auszugleichen und dich zu stabilisieren.

Die Empfindungen an der Oberfläche und in der Tiefe der einzelnen Körperteile informieren über ihre Position in Bezug auf den übrigen Körper und den Raum und helfen uns bei der Ausrichtung.


ANN SWANSON ist eine wissenschaftlich ausgerichtete Yogatherapeutin. Ihr Buch „Yoga verstehen. Die Anatomie der Yogahaltungen“ (Dorling Kindersley), gilt längst als Referenz zum Thema Anatomie. Mehr Info auf annswansonwellness.com

Dieser Artikel stammt aus dem YOGA JOURNAL 05/2021.


Hier findest du 10 Tipps, wie du dein Gleichgewicht in der Asana-Praxis trainieren kannst:

Blick ins Jenseits – über das Leben nach dem Tod

Komme ich als Pinguin zurück, als Popstar oder als Stein? Werde ich vor ein Gericht gestellt und muss für alles büßen, was ich auf Erden verbockt habe? Oder erwartet mich nach meinem Ableben einfach nur Liebe und Licht? Ein Essay über das Jenseits …

Text: Carmen Schnitzer / Titelbild: Creatikon Studio von Getty Images via Canva

„Die muss so ein tolles Erlebnis gehabt, die muss echt das Paradies gesehen haben“, schwärmte mir gerade eine ältere Freundin am Telefon vor. Sie hatte früher mal in einem Seniorenheim gearbeitet und sprach von einer verstorbenen Bewohnerin, die im Tod „so wunderschön“ ausgesehen habe, dass sie sie am liebsten noch ganz lange betrachtet hätte. Eine tröstliche Vorstellung – auch wenn meine Freundin im weiteren Gespräch zugab, so einen Anblick bei Verstorbenen doch eher selten wahrgenommen zu haben.

Was die betreffende Frau tatsächlich erlebt oder gesehen hat, kann sie uns nicht mehr berichten. Zumindest nicht auf herkömmliche Weise, denn dass Kommunikation mit Verstorbenen grundsätzlich möglich ist, davon ist nicht nur Chanelling-Expertin Kristina Sacken überzeugt. Ich selbst bin es, na ja, mal mehr mal weniger. Seit einigen Jahren werde ich immer spiritueller und offener für „Übersinnliches“ jeglicher Art, doch meine immer noch stark präsente skeptische, rationale Seite ist weiterhin dankbar für handfeste Belege und Beweise. Von daher habe ich meine Recherche zum Thema „Was kommt nach dem Tod?“ auch damit gestartet, nach Forschungsergebnissen zu suchen, die vielleicht doch die ein oder andere wissenschaftliche „Sicherheit“ bieten könnten.

GRENZGÄNGE ZWISCHEN LEBEN UND TOD

Relativ schnell stieß ich dabei auf die nicht unumstrittene Studie zum Thema Nahtoderfahrungen (NTE) des niederländischen Kardiologen Pim van Lommel, die 2001 im medizinischen Fachblatt The Lancet veröffentlicht wurde und die später Grundlage für seinen Bestseller „Endloses Bewusstsein“ wurde. Grob heruntergebrochen schloss er aus den Berichten von Menschen, die nach einem Herzstillstand wiederbelebt worden waren, dass es eine Art allgegenwärtiges, nicht an den Körper gebundenes Bewusstsein geben müsse. So hatte etwa ein Patient sofort den Pfleger wiedererkannt, der ihm im Koma die Zahnprothese entnommen hatte, um den Beatmungsschlauch einzuführen: „Sie wissen, wo meine Zahnprothese ist!“, hatte er ihm nach dem Erwachen eine Woche später korrekterweise gesagt. Die beschriebenen Erfahrungen der ins Leben zurückgeholten Menschen können, so der Arzt in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Pressetext von 2016, „nur bedeuten, dass unser Bewusstsein nicht im Gehirn entsteht“. Eine Hypothese, gegen die sich allerdings viele seiner Kolleg*innen wehren, wie er zugibt.

Dass es nach dem Tod weitergeht, glauben Menschen über die Religionen hinweg. Die Vorstellung vom Wie aber unterscheidet sich.

Interpretation des Jenseits

Tatsächlich kritisieren einige Forscher*innen van Lommels Buch und seine Thesen aufgrund von Weglassungen und subjektiven Interpretationen als pseudowissenschaftlich. Andere halten seine Erkenntnisse und seine offene, weniger materiell geprägte Auffassung von Wissenschaft für bahnbrechend. Gemeinsam war den von van Lommel beschriebenen Patient*innen mit Nahtoderfahrung, dass sie gar nicht unbedingt glücklich darüber waren, weiterleben zu dürfen, sondern am liebsten „da“ geblieben wären. Wo auch immer dieses „Da“ sein mag, was auch immer es darstellte. Das Paradies? Wer weiß. Fest steht allerdings, dass sich die meisten Nahtodberichte ähneln. Über unterschiedliche Kulturkreise hinweg gibt es eindeutige Parallelen wie etwa außerkörperliche Erfahrungen, in denen der eigene Körper von oben betrachtet wird, außerdem sehen Betroffene oft ein helles Licht, haben Visionen von verstorbenen Angehörigen und empfinden ein tiefes Gefühl von Ruhe und Liebe. Je nach Religion oder Philosophie werden diese Erlebnisse allerdings unterschiedlich interpretiert.

Inwiefern van Lommels Studie oder andere NTE-Berichte tatsächlich etwas beweisen, wird kontrovers diskutiert. Von nüchternen Naturwissenschaftler*innen werden Nahtoderfahrungen auch gerne mit Sauerstoffmangel im Gehirn, einer letzten Aktivität der Nervenzellen oder der Freisetzung von Endorphinen erklärt.

Himmel und Wolken Spiegelung in Wasser, Symbolbild, Jenseits, c: goinyk von Getty Images
Bild: goinyk von Getty Images

DIE KOLLEKTIVE SEHNSUCHT NACH DEM „MEHR“

Naturwissenschaftlich bewiesen ist mit all dem also noch nichts, und doch gibt es viele Hinweise darauf, dass es noch mehr geben könnte als das, was wir rein mit unserem Verstand begreifen. Ein „Mehr“, von dem gläubige Menschen ohnehin über die Religionen hinweg überzeugt sind, wenngleich sich die Vorstellungen von dem, was nach dem Ende unseres physischen Seins passiert, unterscheiden.

Während es im Christentum und Islam etwa die Vorstellung von einer Gerichtsbarkeit gibt, die aufgrund der Taten eines Menschen auf Erden über ein Weiterleben im Himmel oder der Hölle entscheidet, existieren im Judentum verschiedene Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod. Darunter die einer Art Hölle auf Zeit (Scheol), in der verstorbene Menschen von ihren Sünden „gereinigt“ werden, bevor sie vor Gott treten und von ihm aufgenommen werden können. Insgesamt aber liegt der Fokus bei Jüdinnen und Juden mehr auf dem Diesseits, in dem es gilt, sich ethisch korrekt und gottgefällig zu verhalten.

Das Jenseits im Hinduismus und Buddhismus

Laut Hinduismus und Buddhismus wiederum werden wir nach unserem Tod wiedergeboren, wobei unsere Taten beziehungsweise unser Karma darüber entscheiden, als wer oder was wir zurück auf die Erde kommen – und wie oft. Mitunter ist von „bis zu 500 Mal“ die Rede, meist aber von einem unendlichen Kreislauf der Reinkarnationen, einem unendlichen Zyklus des Seins (Samsara). Beiden Religionen gilt es als Ziel, aus diesem Zyklus auszubrechen, wobei der Hinduismus den Fokus auf die Befreiung der Seele (Moksha) legt und der Buddhismus auf das Ende allen Leidens, aller Begierden und Unwissenheit (Nirvana). Im Buddhismus wird nicht etwa eine unsterbliche, unveränderliche Seele wiedergeboren, sondern ein Geist-Kontinuum, ein „Nicht-Selbst“ (Anatman), das durch einen sich wandelnden Fluss an Erfahrungen gleitet, bis es erlöst wird.

Wohin man auch blickt: Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod gibt es überall: Weder in der griechischen und römischen noch der ägyptischen oder nordischen Mythologie ist mit dem Ende unserer sterblichen Hülle alles vorbei. Auch in vielen afrikanischen Religionen oder denen amerikanischer oder australischer Ureinwohner existiert der feste Glaube, dass es nach dem Tod in irgendeiner Form weitergeht, sei es durch Wiedergeburt, Aufnahme ins Paradies oder in Form von Ahnengeistern, die mit ihren Familien in Kontakt bleiben.

WAHRHEIT ODER FANTASIE?

Ist die Tatsache, dass sich der feste Glaube an ein Weiterleben nach unserem physischen Dasein weltweit über die Jahrhunderte und Jahrtausende so hält, schon Beleg genug dafür, dass mit dem Tod nicht alles vorbei sein kann? So viele so unterschiedliche Menschen können doch nicht wirklich irren. Oder vielleicht doch? Spiegeln all die Konzepte von unsterblichen Seelen, Wiedergeburten und paradiesischen Gärten vielleicht einfach nur unsere urmenschlichen Ängste wider, denen wir mit tröstlichen Bildern irgendwas entgegensetzen möchten? Lässt uns letztlich nur unsere Sehnsucht nach Unsterblichkeit oder unser Wunsch nach Trauerbewältigung in schöne Fantasien flüchten, weil wir die banale und schreckliche Wirklichkeit anders nicht aushalten? Ich habe darauf keine Antwort, und ganz ehrlich: Ich glaube auch, dass wir die gar nicht unbedingt brauchen. Um zu erklären, warum ich zu diesem vielleicht unbefriedigend wirkenden Schluss komme, eine kleine persönliche Geschichte:

Während einer Quantum Light Breath Meditation im Rahmen eines Yogaretreats auf Bali habe ich mich vor ein paar Jahren – völlig unbeabsichtigt – in einem früheren Leben wiedergefunden, zumindest fühlte es sich währenddessen ganz stark so an: Ich hatte inmitten einer schwer zu lokalisierenden Felsenlandschaft während eines Krieges meinen gerade erwachsenen, sterbenden Sohn im Arm. Die Tränen schossen nur so aus mir heraus und ich fühlte den ganzen Schmerz einer Mutter, die ich in meinem aktuellen Leben nie geworden bin. Gleichzeitig war das Erlebnis ein ungemein tröstliches, erhellendes. Denn es half mir, mich in Liebe aus einer zutiefst ungesunden On-off-Beziehung zu lösen: Der sterbende Sohn aus dem früheren Leben hatte das Gesicht meines Ex-Geliebten aus dem aktuellen und ich konnte von da an akzeptieren, dass uns eine große Liebe verband, wir aber nicht als Paar funktionierten und ich ihn loslassen musste, damit es uns beiden besser ging.

Die Relativität der Wahrheit

Später schaltete sich mein skeptisches, rationales Ich wieder ein, das das Erlebnis als eine Art Rauschzustand einordnete, als einen freundlichen Trick meines Hirns, um mich vom Liebeskummer gesunden zu lassen. Aber weißt du was? Mir ist letztlich egal, was es war. Es ist nicht wichtig. Wahrheit, wie wir sie auf Erden begreifen und beschreiben können, ist ohnehin etwas sehr Relatives, und was ich erlebt habe, ist wahr, ob die Erklärung dazu nun „früheres Leben“ oder „Sauerstoff- Überdosis“ heißt oder vielleicht auch nur „unterbewusste Überlistung meiner Psyche“.

Schmetterlinge über einer Wiese, Symbolbild, Jenseits, c: borchee von Getty Images Signature
Bild: borchee von Getty Images Signature

SPÜREN STATT WISSEN

Worauf ich hinaus will: Ich denke, wir könnten unsere Konzepte von „richtig“ und „falsch“, „wahr“ oder „unwahr“ überdenken und uns stattdessen Erfahrungen öffnen, ohne sie sofort einordnen und bewerten zu wollen. Letztlich also genau das, was wir im Yoga tagtäglich üben: achtsames Spüren und Erkunden unserer körperlichen und seelischen Empfindungen, Offenheit und Akzeptanz gehenüber dem, was ist, was sich verändert und was irgendwann endet. Indem wir den Tod enttabuisieren und als Teil des Lebens akzeptieren, kann er zumindest ein wenig von seinem Schrecken verlieren, auch unabhängig von einem „Danach“.

Erst vorgestern war ich auf einer Beerdigung und sprach später mit der vierjährigen Enkelin der Verstorbenen über ihre Oma, die, wie sie mir erzählte, in einer Kiste gelegen hätte, die man dann in die Erde getan habe. Ich bemühte mich um einen liebevoll-ernsten Gesichtsausdruck und kindgerechte Kommentare, da hellte sich das Gesichtchen der Kleinen auf und sie entwaffnete mich mit der Feststellung: „Wie lustig – ein Mensch in einer Kiste!“ Auch wenn es mir aus meiner erwachsenen Perspektive schwer fällt, einem Sarg etwas Lustiges abzugewinnen, so hatte dieser kindliche Blick auf das Ganze doch etwas Herzerfrischendes und ja, Tröstliches. Einfach nicht mehr festhalten. Einfach beobachten und Schönheit – oder Humor – entdecken, auch im Abschied. Loslassen in Dankbarkeit und Freude. Auch das ein Yogathema, wie letztlich alles im Leben.

Wenn wir einen Schmetterling als Zeichen eines lieben, verstorbenen Menschen wahrnehmen – was sollte uns daran hindern, es anzunehmen?

Die Macht der Wahrnehmung

Doch so wie Sprache im Grunde nur ein Gerüst ist, mit dem wir einen kleinen Teil der Welt erfassen und uns darüber austauschen können, sind in meinen Augen auch viele religiöse Konzepte und Vorstellungen letztlich keine 1:1-Übersetzung der einen großen Wahrheit, sondern nur Versuche einer Annäherung an sie. Sie sind im übertragenen oder wortwörtliche Sinn gemalte Bilder, die uns helfen, das Unbegreifliche ein Stück weit begreifbar zu machen. Vielleicht ist es weniger wichtig, verbissen nach Beweisen für eine Gottes- oder Jenseits-Existenz zu suchen als vielmehr wahrzunehmen, welches Konzept in uns resoniert. Wenn wir etwa in einem vorbeiflatternden Schmetterling ein Zeichen eines lieben, verstorbenen Menschen wahrnehmen – was sollte uns daran hindern, es anzunehmen? Wenn wir seine Energie auch nach seinem Tod spüren, sie uns Kraft gibt und wärmt – was brauchen wir dann irgendwelche Beweise?

Jenseits der Wissenschaft

Ich begrüße es sehr, dass Wissenschaft und Spiritualität mittlerweile immer weniger als Gegensätze betrachtet werden und dass zwischen den beiden Betrachtungsweisen der Welt immer mehr Austausch stattfindet. Vieles, was zum Beispiel Menschen, die regelmäßig Yoga üben, schon seit Jahrtausenden intuitiv gespürt haben, wurde mittlerweile wissenschaftlich untermauert – etwa, dass Meditation heilsame Kräfte haben kann. Möglich also, dass Forscher*innen irgendwann auch Beweise für die Existenz eines wie auch immer gearteten Jenseits finden.

Wenn dem so sein sollte – gut. Wenn (noch) nicht, dann eben nicht, dann können wir das, was wir ganz unwissenschaftlich spüren, dennoch für uns nutzen und uns über unsere Erfahrungen friedlich austauschen – im steten Bewusstsein, dass wir alle fehlbar und unser Verstand begrenzt ist und dass es hier nicht ums Rechthaben geht, sondern um Liebe und Verbindung. Und wer weiß – vielleicht begegnen wir uns eines Tages alle in einem ganz anderen Himmel wieder als gedacht und können über das lachen, was wir uns auf Erden so zusammengereimt haben.

Dieser Artikel stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 06/25.


Jean-Marc Turmes

Carmen Schnitzer arbeitet als Journalistin und schreibt seit Jahren für das YOGAWORLD JOURNAL.
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