So bringst du deine Chakras in Erfahrung – mit Daniela Mühlbauer

Chakra-Arbeit bedeutet zu spüren, statt zu analysieren. Zu lauschen, statt zu kontrollieren. Je individueller und offener du die Erkundung deines feinstofflichen Körpers gestaltest, desto besser. Die folgenden Tipps und Erfahrungen der Münchner Yogalehrerin Daniela Mühlbauer können dir als Ausgangspunkt und Orientierung dienen.

Text: Daniela Mühlbauer / Fotos: Carolin Krüger

Schon gelesen? Im ersten Teil dieses Artikels gibt dir Stephanie Schauenburg einen Überblick über traditionelle Überlieferungen und moderne Ansätze der Chakras:

Zum ersten Mal begegnet bin ich dem Chakrasystem vor über 12 Jahren beim Yoga Teacher Training in Indien. Damals war es für mich eher ein abstraktes Konzept. Ich fand die Chakras faszinierend mit ihren Farben, Klängen und Eigenschaften, aber sie blieben theoretisch. Erst über die Jahre, durch meine eigene Praxis, begann ich zu spüren, dass da etwas war, das mir lebendige Hinweise auf persönliche Prozesse geben konnte. Dazu musste ich vor allem lernen, meine eigenen Erfahrungen ernst zu nehmen: Was spüre ich tatsächlich in meinem Körper? Welche inneren Bilder tauchen auf? Was sagt meine Intuition?

Chakra-Arbeit bedeutet für mich heute: Spüren, statt analysieren. Lauschen, statt kontrollieren. Dabei geht es nicht darum, etwas zu „öffnen“ oder zu „heilen“, sondern viel mehr darum, aufmerksam neugierig und offen zu werden, für das, was da ist. Und auch für das, was vielleicht (noch) nicht spürbar ist. Eine Einladung, mit dir selbst in liebevollen und ehrlichen Kontakt zu treten.

Daniela Mühlbauer, eine Frau tanzt draußen im im hohen Gras, Chakra Journey, Yoga
CHAKRA:Wurzel-Chakra
Muladhara
Sakral-Chakra
Svadhisthana
Solarplexus-Chakra
Manipura
Herz-Chakra
Anahata
Hals-Chakra
Vishuddha
Stirn-Chakra
Ajna
Kronen-Chakra
Sahasrara
Element / Mantra / SymbolErde / Lam / QuadratWasser / Vam / HalbmondFeuer / Ram / DreieckLuft oder Wind / Yam / HexagrammLuft oder Wind / Ham / Hexagramm(Geist) / Om / Dreieck im Kreis(Kosmos) / Stille / 1000-blättriger Lotus
zugeordnete Farberotorangegelbgrün / rosahellblaudunkelblau / violettweiß / gold / spektral
psychologische ThemenUrvertrauen, Lebenskraft, ErdungBedürfnisse, Gefühle, Genuss, SexIdentität, Wille, SelbstbewusstseinLiebe, Freude, EmpathieKommunikation, Ausdruck, IdentitätIntuition, Intellekt, WeisheitSpiritualität, Verbundenheit, Transzendenz
Sitzam unteren Ende der Wirbelsäule oder am Dammim unteren Bauchzwischen Nabel und Brustbeinhinter dem Brustbeinmittig im Hals oder Kehlkopfmittig etwas oberhalb der Augenbrauenam Schädeldach oder etwas darüber

Nach meiner Erfahrung ist das gängige Modell der 7 Chakras mitsamt ihren psychologischen Zuordnungen ein guter Ausgangspunkt. Ich sehe die Beschäftigung damit wie einen Kompass, der mich darauf aufmerksam macht, welche Themen gerade gesehen, gespürt und transformiert werden möchten. Zum Einstieg empfehle ich dir, dich jeweils eine bestimmte Zeit lang intensiv mit einem einzelnen Chakra zu befassen: Das kann eine Woche sein, vielleicht auch nur ein Tag. Wichtig ist, dass du achtsam und in deinem Tempo übst und dir nicht nur Raum für deine Erfahrungen lässt, sondern auch für Pausen. Die folgenden Anregungen können dir vielleicht dabei helfen, deine Aufmerksamkeit auszurichten.

Asana und Pranayama

Bestimmte Yogapraktiken lenken den Fokus in die jeweilige Körperregion und helfen dir, dich auf sie einzustimmen, sei es nun durch Kraft, Mobilisierung, Druck oder schlicht durch die Aufmerksamkeit.


Hier ein paar Ideen:

Muladhara:
Stehhaltungen mit Betonung auf Erdung und Kraft (Tadasana, Squat, Krieger, Baum), Beckenkreisen im Sitzen mit Spüren des Bodenkontakts, Muladhara Mudra und Muladhara Bandha

Svadhisthana:
Sitzhaltungen mit Aufmerksamkeit im Becken (Baddha Konasana, Nadelöhr im Sitzen, Kompass), außerdem Tanz in fließenden, sinnlichen, intuitiven Bewegungen

Manipura:
Übungen, die die Körpermitte kräftigen oder drehen (Seitstütz, Drehsitz, gedrehte Krähe, Sprinter), Feueratmung

Anahata:
Rückbeugen (Kamel, aufschauender Hund, Rad, passive Rückbeuge über ein Bolster, Schulterbrücke), Tänzer, Herzatmung

Vishuddha:
Haltungen, die die Halswirbelsäule mobisieren (Nadelöhr-Twist aus dem Vierfüßler, Fisch, Ashtanga Namaskara, eventuell auch Pflug und Schulterstand), Ujjayi Pranayama

Ajna:
Kindhaltung mit aufgelegter Stirn, Wechselatmung mit Daumen am dritten Auge

Sahasrara:
Haltungen mit Druck auf die Schädeldecke (Hase, Kopfstand, Prasarita Padottanasana mit Scheitel auf einem Block), Shavasana, Lotos-Mudra

Daniela Mühlbauer, eine Frau tanzt in Yogakleidung draußen im hohen Gras, Chakra Journey, Yoga

Meditatives Visualisieren

Konzentriere dich im Sitzen oder Liegen auf die Region, in der das jeweilige Chakra angenommen wird. Lenke deinen Atem freundlich hin, stell dir vor, wie er dort eine Weile zirkuliert, bevor du wieder ausatmest, und spüre liebevoll und aufmerksam, was du dabei wahrnimmst. Lass dir Zeit. Vielleicht gibt es Empfindungen wie Spannung, Weite, Enge, Schmerz oder Unruhe. Vielleicht sind es eher Farben oder Formen, Assoziationen … es kann alles Mögliche sein. Wenn du magst, nimmst du nach einer Weile die in der Tabelle (siehe oben) jeweils vorgeschlagene Farbe dazu. Du kannst auch mit dem Mantra oder inneren Bildern der Symbole oder Elemente experimentieren. Beobachte freundlich und unvoreingenommen, was sich dabei verändert. Gehe dabei immer mit dem, was du spontan und deutlich wahrnimmst, und lass Konzepte wieder los, wenn sie keine innere Resonanz erzeugen.

Journaling und Affirmationen

Um deine Erfahrungen beim Üben und Visualisieren festzuhalten und zu ordnen, empfehle ich dir, alles für dich Bedeutsame aufzuschreiben. Journaling ist auch eine super Methode, um dich von dort ausgehend mit den psychischen Themen zu beschäftigen, die dabei hochkommen. Vielleicht hilft es dir, dabei zu überlegen, wie das zu den Themen passt, die den jeweiligen Chakras zugeordnet werden (siehe Tabelle). Spezifische Leitfragen können dich vielleicht in eine fruchtbare Richtung lenken. Affirmationen unterstützen dich dabei, dich positiv auszurichten.

Auch hierzu ein paar Vorschläge:

Muladhara: Was in meinem Leben schenkt mir das Gefühl von Sicherheit oder Vertrauen? Affirmation: „Ich bin sicher und geerdet.“

Svadhisthana: Wo darf ich meinen Bedürfnissen mehr Raum geben?
Worin liegt meine schöpferische Kraft?
Affirmationen: „Ich vertraue dem Fluss des Lebens.“ „Ich fühle alle meine Gefühle.“

Manipura: Was sind meine Stärken und Talente? Wofür brenne ich?
Wie kann ich mich behaupten?
Affirmationen: „Ich bin stark und voller Mut.“ „Ich lasse mein Licht strahlen.“

Anahata: Wie kann ich mehr Liebe und Mitgefühl in mein Dasein bringen?
Affirmation: „Ich gehe mit offenem Herzen durchs Leben.“

Vishuddha: Welche Wahrheiten habe ich noch nicht ausgedrückt?
Affirmation: „Ich spreche aus meinem Herzen, klar und frei.“

Ajna: Welche Ziele und Visionen habe ich für die Zukunft?
Affirmation: „Ich vertraue meiner inneren Weisheit.“

Sahasrara: Wie lebe ich meine Spiritualität?
Affirmation: „Ich bin eins mit dem Universum.“

Dieser Artikel stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 05/2025.


Daniela Mühlbauer hat mit den Fotos, die ihr auf diesen Seiten seht, das „Rad“ für diesen Artikel ins Rollen gebracht: „Wollt ihr nicht mal wieder was über die Chakras machen und wie wir sie in die Erfahrung bringen können?“, fragte uns die Münchner Yogalehrerin und Tänzerin. Wir wollten! Mehr Info auf danielamuehlbauer.de


Du möchtest die Chakras in deine Praxis integrieren? Hier findest du eine Chakra-Meditation, sowie eine kurze Chakra-Yoga-Sequenz:

Tanz der Energien – ein neuer Blick auf die Chakras

Bücher, Workshops und immer neue Anwendungen: Die Chakras sind im modernen Yoga allgegenwärtig. Aber was bedeutet die Lehre für dich und deine Praxis – ist sie authentische Erfahrung oder eher theoretisches Konzept? Und was daran ist uralte Weisheitslehre, was eher modernes Selbsterfahrungs-Tool? Wir haben uns auf die Suche nach den Hintergründen gemacht.

Text: Stephanie Schauenburg / Fotos: Carolin Krüger

Dass wir nicht nur aus Knochen, Muskeln und Organen bestehen, spüren wir wohl alle: Da gibt es auch Geist, Gefühl, Kraft, Intuition – und es gibt spürbare Verflechtungen dieser Sphären, die sehr viel mit Energie zu tun haben. Wir können oft deutlich wahrnehmen, wie diese Lebensenergie, die wir im Yoga Prana nennen, durch Herz und Glieder strömt, mal stärker ist und mal nur ganz schwach. Wir spüren auch, wie sie sich an bestimmten Stellen ballen kann, wie sie manchmal stockt und wie das mit unserem Denken und Empfinden verwoben ist: Angst oder Wut zum Beispiel können sich anfühlen wie eine Faust in der Magengrube. Trauer wie ein Kloß im Hals. Und Liebe wie 1000 Schmetterlinge in der Brust.

Im westlichen Denken mit seiner traditionellen Trennung von Körper und Geist und dem entsprechend mechanischen Körperbild gab es kaum Modelle und Erklärungen für diese sehr realen energetischen Aspekte der menschlichen Erfahrung. Ganz anders in der indischen Tradition: Hier hat man seit jeher nach diesen Phänomenen geforscht. In den alten Schriften des Hinduismus, des Tantra, aber auch des Yoga oder des Ayurveda, ist in diesem Zusammenhang schon früh von Chakras die Rede. Wörtlich bedeutet der Begriff „Rad“, man stellte sie sich nämlich als wirbelige Zentren vor, an denen sich die Energie aus verschiedenen Bahnen und Strömen (Nadis und Vayus) bündelt und wieder verzweigt. Diese Vorstellungen von einem feinstofflichen Körper und von der Verflechtung der physischen mit der energetischen, emotionalen und geistigen Erfahrung trafen bei uns auf eine Lücke – und entsprechend gut haben sie Wurzeln geschlagen.

Tradition versus Moderne

Aus dem modernen Yoga ist die Lehre von den Chakras kaum wegzudenken. Es gibt spezielles Chakra-Yoga und praktische Anwendungen für bestimmte Organe oder Nerven, man arbeitet mit Heilsteinen, Klangschalen oder ätherischen Ölen, es werden Analogien zu Planeten, Pflanzen oder Erzengeln aufgezeigt. Besonders bedeutsam ist dabei die Zuordnung bestimmter Lebensthemen zu den einzelnen Chakras, denn diese psychologische Sichtweise macht sie zu einem guten Tool für die körperorientierte Selbsterfahrung. Es gibt bei all dem nur ein kleines Problem: Fast nichts davon stammt aus der Tradition oder den alten Schriften Indiens, es sind im Wesentlichen moderne und westliche Konzepte.

Der Sanskritgelehrte und Tantralehrer Christopher Wallis hat schon im Februar 2016 in einem Blog-Beitrag (zu finden auf: hareesh.org/blog) die wichtigsten Missverständnisse im modernen Umgang mit den Chakras herausgearbeitet. Das beginnt schon damit, dass das Modell der sieben Chakras vielfach als eine feste Tatsache, eine Art anatomischer Bauplan unserer feinstofflichen Anatomie dargestellt wird. Dabei steht das gleich in zweifacher Hinsicht im Widerspruch zur traditionellen Überlieferung: Zum einen gibt es dort neben dem 7-Chakra-Modell unzählige weitere. Sie verorten eine jeweils verschiedene Anzahl an Chakras an zum Teil unterschiedlichen Stellen im Körper und ordnen sie auch anderen Namen, Elementen, Symbolen und Praktiken zu.

Widersprüche und Wahrnehmung

In Patanjalis Yogasutra beispielsweise ist in Vers 3.29 von einem Nabhi Chakra die Rede (wörtlich: Nabel-Chakra) und es wird ausgeführt, die Versenkung in dieses Chakra eröffne dem Übenden Kenntnis über die Körperfunktionen – wohingegen der Herzpunkt (Hridaya) der Schlüssel zum Verständnis der mentalen Prozesse (Citta) sei (Vers 3.34). Moment mal: Das Herz-Chakra heißt doch Anahata und eröffnet eigentlich den Zugang zu Liebe, Freude und Empathie, während es beim Nabel-Chakra um Bedürfnisse geht? Genau: anderes System, andere Namen, andere Zuordnungen.

Der zweite Widerspruch ist vermutlich noch entscheidender: Laut Wallis verstehen die historischen Quellen das Chakra-Konzept gerade nicht als einen zu beschreibenden Plan. Stattdessen schlagen sie bestimmte Praktiken vor, mit denen wir subtile Prozesse im Körper im Sinn einer spirituellen Entwicklung steuern können. Chakras sind demnach keine auffindbaren Strukturen, sondern eher Potenziale. Sie dienen als Fokuspunkte innerhalb einer, wie Wallis schreibt, „außergewöhnlich fluiden Realität“ – was auch bedeutet, dass du Chakras unter Umständen völlig anders erlebst, als du es gelesen oder gehört hast, und dass sich diese Wahrnehmungen verändern können.

Das moderne 7-Chakra-Modell auf einen Blick

CHAKRA:Wurzel-Chakra
Muladhara
Sakral-Chakra
Svadhisthana
Solarplexus-Chakra
Manipura
Herz-Chakra
Anahata
Hals-Chakra
Vishuddha
Stirn-Chakra
Ajna
Kronen-Chakra
Sahasrara
Element / Mantra / SymbolErde / Lam / QuadratWasser / Vam / HalbmondFeuer / Ram / DreieckLuft oder Wind / Yam / HexagrammLuft oder Wind / Ham / Hexagramm(Geist) / Om / Dreieck im Kreis(Kosmos) / Stille / 1000-blättriger Lotus
zugeordnete Farberotorangegelbgrün / rosahellblaudunkelblau / violettweiß / gold / spektral
psychologische ThemenUrvertrauen, Lebenskraft, ErdungBedürfnisse, Gefühle, Genuss, SexIdentität, Wille, SelbstbewusstseinLiebe, Freude, EmpathieKommunikation, Ausdruck, IdentitätIntuition, Intellekt, WeisheitSpiritualität, Verbundenheit, Transzendenz
Sitzam unteren Ende der Wirbelsäule oder am Dammim unteren Bauchzwischen Nabel und Brustbeinhinter dem Brustbeinmittig im Hals oder Kehlkopfmittig etwas oberhalb der Augenbrauenam Schädeldach oder etwas darüber

Gemeinsamer Grund

Heißt das, dass alles, was wir im modernen Yoga über die Chakras lernen und lehren, Mist ist? Überhaupt nicht! So unterschiedlich die verschiedenen Chakra-Modelle auch sein mögen, sie sind alles andere als willkürlich: Zunächst einmal werden Chakras im Körper immer dort aufgespürt, wo wir tatsächlich besonders deutlich etwas spüren. Es ist also kein Zufall, dass fast alle Systeme Chakras hinter der Stirn, im Herzraum und im unteren Becken enthalten. Diese drei finden sich sogar in anderen Energielehren wieder, etwa dem daoistischen Dantian. Die Tantralehrerin Margo Anand Naslednikov hat das mit Nervengeflechten und davon ausgehend mit endokrinen Drüsen in Verbindung gebracht. Auch eine moderne Sicht, aber eine, die einiges für sich hat. So liegen zum Beispiel im Bereich des Manipura Chakra der Solar Plexus und die Bauchspeicheldrüse – wenn wir Angst also häufig in der „Magengrube“ spüren, dann auch, weil dort besonders viele Nerven miteinander verflochten sind.

Die Chakras sind kein fester Bauplan, sondern eher subtile Hinweise, Potenziale für ganz individuelle
feinstoffliche Erfahrungen.

Spürbare Energien

Genauso sind auch die psychologischen Zuordnungen keineswegs aus der Luft gegriffen: Es ist beispielsweise naheliegend, Kehle und Stimmbänder mit dem Selbstausdruck in Verbindung zu bringen. Andere Zuordnungen sind eher kulturell geprägt: Das Herz gilt bei uns traditionell als Zentrum von Liebe und Mitgefühl, dagegen vermutete das klassische Indien dort den Geist. (Du erinnerst dich: Patanjali empfiehlt Versenkung ins Herzzentrum, um Citta zu ergründen.)

Allen Systemen gemein ist die Erfahrung, dass es Bereiche zu geben scheint, wo die physische und die energetisch-emotionale Sphäre spürbarer als anderswo verflochten sind. Punkte, an denen wir eine geistige oder emotionale „Ladung“ körperlich wahrnehmen können. Indem wir diese Punkte als Fokus nutzen, sie visualisieren und uns auf sie konzentrieren, können wir unsere Wahrnehmung für energetische Qualitäten und Prozesse schulen. Wir dringen also über die Interozeption von der physischen in die feinstoffliche Ebene vor. Ein vorgegebenes System wie das 7-Chakra-Modell mag zwar nur eine Möglichkeit von vielen sein, aber es kann uns helfen, diese Erfahrungen zu strukturieren.

Das Potenzial der Chakras

So finden wir einen Zugang und eine Sprache für sehr subtile, innere Prozesse. Auch die moderne Psychologisierung der Chakralehre mit ihren Zuordnungen zu bestimmten Lebensthemen oder entwicklungspsychologischen Stadien kann unglaublich wertvoll sein, vor allem wenn wir sie nicht als starren Plan und Fakt begreifen, sondern als Hinweise, als Potenzial für ganz individuelle Erfahrungen. Nur so gelangen wir vom Bücher-Wissen zu einer authentischen Erfahrung.

Trotzdem sollte uns bewusst sein, dass wir uns mit all dem weit von dem entfernen, was die traditionelle Chakrapraxis vermutlich ausgemacht hat. In Wirklichkeit wissen wir nur sehr wenig über sie: Die Texte sind oftmals rätselhaft, widersprüchlich und schwer zugänglich. Christopher Wallis hat sich in die Forschungsliteratur vertieft und stellt fest: „Das ist immer noch weitgehend unbekanntes Terrain. Tu also besser nicht so, als ob du etwas über Chakras wüsstest!“ Wenn wir im modernen Yoga über sie sprechen, haben wir es eigentlich immer mit einer vereinfachten und modernisierten Sicht zu tun und sollten das auch klar machen.

Anstatt also die modernen Chakrapraktiken fälschlicherweise als faktisches, „uraltes“ Wissen auszugeben, sind wir eingeladen, genauer hinzuschauen und uns auf die Suche zu machen. Es geht um einen Zugang zur feinstofflichen Ebene unseres Seins, nicht darum, eine angeblich vorhandene Realität im eigenen Körper aufzuspüren, sie zu reinigen und dabei wie auch immer geartete Blockaden zu lösen. Statt also imaginierte rote, gelbe, oder blaue Chakra-Glaskugeln zu putzen, um im Handumdrehen noch ein bisschen energievoller und glücklicher zu werden, (Stichwort: Selbstoptimierung) dürfen wir uns offen, liebevoll und wertungsfrei auf die Reise zur Erforschung unserer energetischen Innenwelt machen. Es gibt viel zu entdecken.

Eine einzige Quelle

Dass das Modell der sieben Chakras heute so vorherrschend ist, hat laut Christopher Wallis einen simplen Grund: Fast die gesamte moderne Beschäftigung mit den Chakras geht auf eine einzige Quelle zurück: eine Schrift aus dem 16. Jahrhundert namens Sat Chakra Nirupana, die 1918 ins Englische übersetzt wurde. Die Übersetzung des englischen Richters John Woodruff (der sich dafür das Pseudonym Arthur Avalon gab) war offenbar fehlerhaft, doch dank der okkultistischen Mode dieser Zeit fand sie schon bald eine enorme Verbreitung – während die übrigen Quellentexte bis heute großteils sehr schwer zugänglich sind.

Dieser Artikel von Stephanie Schauenburg stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 05/2025.

Im zweiten Teil des Artikels gibt dir Daniela Mühlbauer einige Tipps, wie du deine Chakras erfahrbar machen kannst:


Du möchtest direkt die Chakras in deiner Praxis ansprechen? Hier findest du jeweils eine Sequenz zum Herz- und zum Sakralchakra:

Frühling im Topf – so gelingen selbst gezogene Microgreens und Kräuter

Frisch geerntet schmeckt’s gleich doppelt so gut! Warum? Ganz einfach: In selbst gezogenen Microgreens, Kräutern und Gemüse stecken nicht nur mehr Nährstoffe, sondern vor allem: Liebe. Einfache Tipps für deinen grünen Daumen.

Text: Tula Karras, Carmen Schnitzer Fotos: Jennifer Olson

Was schmeckt besser als ein selbstgekochtes Essen? Eins mit Zutaten, die du auch noch selbst gezüchtet hast! Ein Kräuter- und Gemüsegarten – bei Platzmangel auch einer auf der Fensterbank – spart neben Geld auch Energie und verringert deinen ökologischen Fußabdruck. Zudem liefert ein Essen aus frisch geernteten Zutaten deutlich mehr Nährstoffe als ein gekauftes: Tomaten, Salate und Karotten etwa können auf dem Weg vom Feld ins Restaurant bis zu 70 Prozent ihres Vitamin-C-Gehalts verlieren! Ein eigener Garten ist deine Chance für garantiert chemisch unbehandelte und gesunde Ware. Selbstgezogene Bio-Auberginen etwa liefern deutlich mehr Kalzium, Kalium und Magnesium, selbstgezogene Bio-Tomaten deutlich mehr Vitamin C und Carotinoide als die jeweilige Supermarktware. Und dann erst der bessere Geschmack!

Falls du keinen Platz für ein Gemüsebeet hast, aber trotzdem nicht auf Vitaminbomben Marke Eigen(an)bau verzichten willst, hält die Natur etwas Besonderes für dich bereit: Microgreens! Diese Superfoods sind alte Bekannte, die wir unter dem Namen Keimlinge beziehungsweise Keimpflanzen kennen. Vielleicht ist dir schon aufgefallen, dass die gute alte Gartenkresse in den letzten Jahren in vielen Gemüseabteilungen Gesellschaft bekommen hat: Mittlerweile warten dort auch Pappschachteln mit Brunnen-, Rucola-, Radieschen- oder Brokkoli-Kresse. Ähnlich wie der Klassiker lassen sich diese kleinen Powerpakete auch kinderleicht auf der Fensterbank ziehen. Studien zufolge enthalten die Winzlinge eine bis zu fünfmal höhere Konzentration an Vitaminen wie C und E sowie antioxidative Carotinoide als dieselbe Pflanze in ihrer ausgereiften Form. So geben sie zum Beispiel Smoothies, Salaten, Suppen oder belegten Broten nicht nur optisch den letzten Pfiff.

Gärtnern macht Spaß, das Ergebnis ist gesund und sieht noch dazu hübsch aus: Ob du nun als Profi oder Anfänger*in ans Werk gehst – es spricht auf jeden Fall viel für den Eigenanbau. Stelle dir einfach deine persönliche Auswahl an Pflanzen zusammen. Hier findest du einige Tipps für die Anzucht.

Was du alles zum Pflanzentopf umfunktionieren kannst:

Teetassen, Kaffeebecher oder Zuckerdosen

Schnittlauch oder Kerbel gedeihen gut in kleinen Behältern von bis zu etwa 8 Zentimetern Tiefe. Besonders Kerbel hat es gerne „kuschelig“ eng. Eine gute Möglichkeit, gesprungene Tassen wiederzuverwenden, denn über die Risse kann überschüssiges Wasser abfließen. Zu viel Wasser ist nämlich für viele Pflanzen gefährlicher als zu wenig!

Teekessel, Vintage-Dosen oder große Konserve-Büchsen

Neben Schnittlauch und Kerbel brauchen auch Sukkulenten, Kopfsalat und Thymian wenig Raum und sind in diesen Behältnissen gut aufgehoben, die sich zudem prima bemalen oder mit hübschem Papier umwickeln lassen. Damit das Wasser abfließen kann, bohre drei bis vier Löcher in den Boden und lege eventuell eine Drainageschicht aus Blähton oder Tonscherben in den Dosenboden.

Körbe oder Siebe

Hier ist die Drainage (= Abflussmöglichkeit) gleich eingebaut! Je nachdem, wie eng ein Korb geflochten ist oder wie groß die Löcher eines Siebes sind, kann es sinnvoll sein, ihn mit Moos, Kokosfaser oder einem Fenstergitter aus Vinyl auszukleiden (Metall könnte rosten), um die Erde intakt zu halten und Käfer abzuwehren. Diese Behälter sind für ähnliche Pflanzen passend wie die für Dosen. Bei ausreichender Tiefe gedeiht auch Petersilie prächtig.

Bollerwagen oder alte Holzschubladen

Hierin lässt sich prima Salat pflanzen, da dieser nicht besonders tief wurzelt. Bei mindestens 15 Zentimetern Tiefe sind auch Thymian, Oregano, Estragon, Koriander oder Minze geeignete Kandidaten, wobei letztere sehr ausbreitungsfreudig ist, weshalb eine Wurzelsperre zu empfehlen ist. Dafür einfach den Boden eines Kunststoffblumentopfes entfernen und die Minze in den so entstandenen Ring pflanzen. Bohre außerdem für die Drainage Löcher in den Boden des Wagens oder der Schublade und kleide alles mit einem Vinyl-Fenstergitter aus, um Käfer fernzuhalten!

4 Tipps für deinen Indoor-Gemüsegarten

Wenn du dein Grünzeug in Behältern züchtest, musst du ein paar Dinge beachten, denn anders als in einem Beet können die Pflanzen keine Nährstoffe aus der Erde ziehen.

1) Mixe einen fruchtbaren Boden aus einem Teil Kompost mit fünf Teilen Blumenerde und gib am Schluss obenauf noch mal eine Schicht Kompost – er hält den Boden feucht.

2) Benutze Bio-Gemüsedünger! Er fördert die Drainage, ist mit Nährstoffen versetzt und hält den Stickstoffgehalt der Erde niedrig, um ein gutes Wachstum zu garantieren. Für manche Gemüsesorten – etwa Tomaten – gibt es spezielle Dünger, die besonders auf die Bedürfnisse der Pflanze abgestimmt sind. Lass dich in der Gärtnerei dazu beraten!

3) Bedecke die Erde mit einer dicken Schicht Mulch, sobald die Pflanze zu sprießen begonnen hat und das Wetter wärmer wird. Das hält den Boden feucht. Sei dabei aber nicht zu voreilig: Warte auf das erste Grün – ansonsten wärmt der Boden womöglich nicht richtig auf.

4) Kontrolliere regelmäßig die Feuchtigkeit! An heißen Tagen trocknen die Pflanzenkübel schnell aus, dann heißt es: häufiger gießen. Vermeide aber eine Überwässerung oder stehendes Wasser.

Vitaminbomben für eher blassgrüne Daumen

Keine Ahnung vom Gärtnern? Nicht schlimm – die Aufzucht dieser Leckereien gelingt auch blutigen Anfänger*innen:

1. Rucola

Enthält: Die Vitamine A, C, E und K, Antioxdantien sowie Kalzium, Eisen, Zink, Kalium und Phosphor

So wird’s gemacht: Rucola gedeiht im Beet wie im Topf und bevorzugt eine sonnige bis halbschattige Lage. Die Samen sollten in etwa einem halben Zentimeter Tiefe mit einem Abstand von 15 Zentimetern gesetzt werden. Regelmäßig gut wässern, dabei aber stehendes Wasser vermeiden. Nach etwa sieben Wochen (im Sommer deutlich früher!) kann er geerntet werden.

Schmeckt gut zu: Nudeln (z.B. als Pesto), im Salat, Smoothie oder auf der Pizza

2. Sprossen (zum Beispiel Alfalfa, Radieschen oder Mungo-Bohnen)

Enthalten: essenzielle Aminosäuren, mehrfach ungesättigte Fettsäuren, Enzyme, Vitamine, Ballaststoffe und Spurenelemente.

Vorsicht: Sicherheitshalber solltest du Sprossen vor dem Verzehr kurz (ca. 30 Sekunden) in kochendem Wasser blanchieren, um mögliche Krankheitserreger abzutöten.

So wird’s gemacht: Einen Esslöffel Samen in einem Sieb unter fließendem Wasser gut abspülen. Anschließend in ein Keimglas geben und mit der doppelten Menge Wasser bedecken. Nach 1–8 Stunden Einweichzeit wird das Wasser abgegossen. Die genaue Zeitangabe steht in der Regel auf der Packung. Anschließend geht’s zurück ins Keimglas, wobei du vorher nicht gequollene Samen und leere Schalen aussortieren solltest, damit sie nicht faulen. Siebeinsatz aufs Glas schrauben und schräg auf einen Unterteller setzen, damit das restliche Wasser abfließen kann. Sprossen zwei- bis dreimal täglich spülen und nach 3–4 Tagen genießen!

Schmecken gut als: Topping auf Salaten, Sandwiches oder Suppen

3. Brunnenkresse

Enthält: Gerb- und Bitterstoffe, Raphanol, ätherische Öle, die Vitamine A, B1, B2, C und E sowie Jod, Eisen, Kalzium und Phosphor.

So wird’s gemacht: Da Brunnenkresse viel Wasser braucht, ist ein Plastiktopf mit einem etwas größerem, kies- oder tonscherbengefüllter Übertopf am besten. Im Garten wäre ein etwas lehmiger Boden optimal. Streue die Samen auf die Erde und drücke sie leicht an, ohne sie zu vergraben. Achtung: Nicht der prallen Sonne aussetzen, sondern ein halbschattiges bis schattiges Plätzchen suchen. Alle zwei Tage wässern und nach 7–20 Tagen (wenn sie mindestens 10 Zentimeter hoch ist) ernten.

Schmeckt gut zu: Omelettes, Quark, als Pesto oder als Topping auf Salaten, Suppen oder belegten Broten.

Dieser Artikel stammt aus dem YOGA JOURNAL 02/2019.


Hier findest du weitere leckere Rezeptideen mit Microgreens und Gartenkräutern:

Ein neues Bett im Fluss der Zeit – Interview mit Anna Trökes

Welche Bedeutung hat Zeit in der Yogaphilosophie? Warum fühlen wir uns oft so rastlos? Und was hat es mit dem Fluss der Zeit auf sich? Darüber sprachen wir mit Anna Trökes, die Yoga im deutschsprachigen Raum seit Jahrzehnten wie kaum eine andere prägt.

Interview: Carmen Schnitzer / Fotos: Nela König

Fangen wir mal klein an: Wir haben uns zu einer bestimmten Zeit für dieses Gespräch verabredet. Aber mit so was wie „Termin 9.15 Uhr“ ist das Phänomen Zeit ja längst nicht erklärt …

In der tantrischen Schöpfungsgeschichte geht es aus dem ganz Formlosen, nämlich dem reinen Bewusstsein, in die Schöpfungskraft, Shakti, und diese wiederum hat an ihrer Seite sofort Maya, das Formgebende. Und das Erste, was die erschaffen, sind Nada und Spanda, also Klang und Schwingung. Die beiden breiten sich aber aus, gehen auseinander …

… wie die Zeit?

Genau. Die Zeit ist eine endlose Schwingung, die sich zwischen unendlicher Vergangenheit und unendlicher Zukunft ausbreitet. Aber damit können wir Menschen ja erst mal nichts anfangen. Da kommt dann Bindu ins Spiel, der Punkt oder Samen, von dem wir ausgehen können. Deswegen gibt es so etwas wie „9.15 Uhr“. Das gibt uns eine Referenz, sonst bleibt ja alles diffus. Dahinter kommen dann Zeit und Raum, dann wird Buddhi erschaffen, also der Geist, Ahamkara, das Ego und so weiter.

Zeit, Raum und Klang sind demnach unendlich, aber wir können sie von einer bestimmten Perspektive aus betrachten?

Sozusagen: Es gibt einen Blickpunkt, von dem aus der Klang angeschlagen wird. Und dann führt man das zurück und sagt: Dort, in diesem Punkt, ist alles drin. Das ist bei Zeit auch der Fall. Also wenn ich jetzt von Zeit spreche, denke ich ja immer gleichzeitig an die Vergangenheit und an die Zukunft. Und wenn ich Glück habe, bin ich auch beim Jetzt.

Was wir im Yoga immer wieder üben … Zeit würde an sich aber auch ohne Uhren existieren.

Mit denen geben wir diesen ganzen Energien eben eine Form. Früher haben die Leute einfach an den Himmel geguckt, nach dem Sonnen- oder Sternenstand, und sich daran orientiert. Ein Zeitverständnis hatten Menschen immer. Das sehen wir zum Beispiel auch an einem Bauwerk wie Stonehenge. Dort gibt es bestimmte Steinformationen, durch die genau zur Sommersonnwende die Sonne durchfällt. Auch damals schon muss man also ein Zeitverständnis gehabt haben – und ein Interesse dafür.

Empfindest du das Bild der Zeit als Fluss als stimmig?

Durchaus. Die Zeit ist ja immer strömend, fließend.

Ich hatte während meiner Recherche manchmal den Gedanken, dass ein Meer vielleicht passender sein könnte. Also, etwas weniger Lineares.

Das Lineare ist aber für uns Menschen wichtig. Wir müssen diesem Zeitfluss ein Bett geben – und gleichzeitig ein paar Stufen, um hin und wieder aus dem Fluss aussteigen zu können. Um dann zum Beispiel in die Meditation zu gehen oder auch einfach zu schlafen.

Anna Trökes, Yogalehrerin, Meditation, Wald, Fotocredit: Nela König

Ein schönes Bild! Aktuell haben allerdings viele das Gefühl, die Zeit renne ihnen davon. Obwohl uns vieles, was früher viel Zeit gekostet hat, inzwischen Maschinen abnehmen. Woher, glaubst du, kommt das Gefühl des Zeitmangels?

Das scheint mir schon in der Erziehung eingeredet zu werden – Zeit als etwas, das man haben oder nicht haben kann. Seit ein paar Jahren gibt es ja überdies den Begriff des Zeitmanagements.

Was hältst du davon?

Grundsätzlich erscheint es mir sinnvoll, sich seine Zeit gut einzuteilen. Entscheidend ist aber, dass man sich nicht nur auf Arbeit, Arbeit, Arbeit konzentriert, sondern auch regelmäßige Pausen einbaut und ein festes Ende von Arbeitsabschnitten. Sonst läuft einem die Zeit wirklich irgendwann davon. Kinder bekommen das ja in der Schule schon mit: Die Fächer werden in Dreiviertelstunden-Einheiten unterrichtet, dazwischen gibt es Pausen. Aber man erklärt ihnen den Sinn dahinter nicht.

Und das wäre wichtig?

Ja. Ich denke, uns fehlt so etwas wie eine Zeitkultur.

Wie könnte die aussehen?

Die würde einen sehr bewussten Umgang mit unserer Zeit, unseren Zeiträumen beinhalten. Wir würden zum Beispiel nicht in jeder kurzen Pause gleich zum Handy greifen. Denn dann sind wir ja gewissermaßen immer noch „on duty“. So kommt uns etwas abhanden, was sehr viel mit Zeit zu tun hat, nämlich Muße.

„Im Yogasutra taucht der Begriff Zeit, Kala, auf als etwas, mit dem ich Dauer und Kontinuität erfasse.“

Wie lässt sich das zurückholen?

Mach Dates mit dir selbst und nimm sie ernst – zum Spazierengehen zum Beispiel oder Meditieren. Und wenn es nur ein paar Minuten am Tag sind. Das Yogasutra beschreibt ja einen Übungsweg, an dessen Ende die Freiheit steht, Kaivalya. Und auch im Yogasutra taucht der Begriff Zeit, Kala, immer wieder auf – als etwas, mit dem ich Dauer und Kontinuität erfasse. Alles, was auf diesem Übungsweg Station sein kann, was erreicht werden kann, sind quasi die Schritte, die ich gehe, der Prozess. Darum heißt es darin oder auch in den anderen Yogaschriften wie der Hathapradipika immer wieder, dass etwas seine Zeit brauche. Zeit für die einzelnen Schritte. Etwas reift heran, entwickelt, entfaltet sich – das sind alles Begriffe, die damit zu tun haben. In der Regel geht nichts davon einfach plötzlich, sondern hat immer einen gewissen Vorlauf.

Der Yogaweg ist also nie zeitlos?

Genau – er braucht eine Kontinuität, damit er sich entwickelt. Du hast darin beziehungsweise dazwischen allerdings zeitlose Inseln, etwa in der Meditation. Und danach fügst du dich wieder ein in den Lauf der Zeit.

Anna Trökes, Yogalehrerin, Yogaphilosophie zum Thema Zeit, Fotocredit: Nela König

„Wir müssen dem Zeitfluss ein Bett geben – und gleichzeitig ein paar Stufen, um hin und wieder aus dem Fluss aussteigen zu können. Zum Beispiel, um zu meditieren.“

Wir haben es vorhin schon kurz angesprochen: Es geht im Yoga viel um das Hier und Jetzt …

Und allein daran merkst du schon, dass Zeit als etwas sehr Wichtiges wahrgenommen wird. Der Zeitraum, in dem du dein Leben gestalten kannst, dein Karma. Darum wurde zum Beispiel gern auch Langlebigkeit angestrebt – damit man viel Zeit hat, das Leben zu gestalten und irgendwann vielleicht aus dem Rad der Wiedergeburt rauszukommen.

Ist die planbare Zeit mehr als ein menschengemachtes Konzept?

Sie ist definitiv ein Konzept, aber eines, für das uns auch die Natur Begriffe und Räume vorgibt: Tag und Nacht etwa und die Jahreszeiten. Oder auch unseren Biorhythmus, der das Schwingen zwischen Aktivität und Ruhe einfordert. Und dann die unterschiedlichen Phasen im Laufe eines Menschenlebens, in denen unterschiedliche Ziele erreicht werden wollen, man unterschiedliche Aufgaben hat. Am Anfang steht etwa Artha – als junger Mensch kümmerst du dich erst mal um dein Auskommen, sorgst für dich. Daneben steht aber, ganz wichtig, auch Kama, Lust, Erotik und all das. Und dann erst, und das finde ich so klug, kommt Dharma, da kümmert man sich um Gemeinschaft, um die Weltordnung und so weiter. Und wenn man dem richtig lange gedient hat, kommt Moksha – dann zieht man sich wieder zurück. In unserer Kultur vermischt sich da leider vieles – jeder muss jederzeit für alles und jeden verfügbar sein. Das ist ungünstig.

Warum, glaubst du, ist das so?

Nun, wir hatten früher durchaus auch mal eine Zeitkultur, etwa mit den Stundenbüchern, die den Tag strukturiert haben, oder den Kirchenglocken. So etwas gibt es ja heutzutage kaum noch. Rituale, eine Tageszeitstruktur mit Arbeits- und Mußefenstern …

Den kleinen Zeitinseln am Ufer unseres Lebensflusses …

In dem das Meer, das du vorhin angesprochen hattest, ja letztlich auch drinsteckt. Irgendwo ist die Quelle, dann ist hier mein Fluss, dann münde ich irgendwann ins Meer, von dort wird das Wasser hochgezogen, wird zur Wolke und wandert wieder zurück zu den Bergen, in denen die Quellen entspringen.

Das Interview stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 05/2025 mit dem Titelthema „Zeit“.


Morgens kraftvoll in den Tag starten, abends Entspannung finden: Auch in Anna Trökes’ Buch „Yoga für mehr Energie und Ruhe“ spielt Zeit und ihre Struktur eine Rolle. Die aktualisierte Neuauflage des Yoga-Bestsellers mit inspirierenden Routinen für die verschiedenen Phasen des Tages erschien im GU Verlag (19 Euro).

Du möchtest mehr zum Thema Philosophie lesen? Einen interessanten Text über Tantra und Yoga von Anna Trökes findest du hier:

Test: Was macht mich glücklich?

Was macht glücklich Test

Glück ist immer ein Zusammenspiel unterschiedlichster Faktoren. Welche sind für dich besonders wichtig und was kannst du tun, um glücklich zu werden? In diesem Test findest du es heraus.

Titelbild: Tony Ross via Unsplash

1. Nach einem stressigen Arbeitstag planst du einen entspannten Abend. Wie sieht der idealerweise für dich aus?

Ich quatsche mit einer guten Freundin über Gott und die Welt.
Ich liege allein in meiner Badewanne und lese ein gutes Buch.
Ich powere mich beim Sport so richtig aus und vergesse den Stress.
Ich gehe endlich mal wieder ins Kino.

2. Über welches Kompliment würdest du dich besonders freuen?

„Du bist mein Fels in der Brandung.“
„Mit dir macht alles gleich doppelt so viel Spaß!“
„Wow, solch ein Projekt kannst wirklich nur du stemmen!“
„Du bist wahnsinnig inspirierend!“

3. Mit welchem Tier fühlst du dich am meisten verbunden?

Hund
Schimpanse
Adler
Pferd

4. Eine Kollegin wechselt die Firma, du organisierst das Abschiedsgeschenk des Teams. Was wählst du?

Einen edlen Terminkalender.
Ein Freunde-Buch, in das alle Kolleg*innen etwas Liebes oder Lustiges schreiben.
Einen Massage-Gutschein.
Einen Besuch im Hochseilgarten.

5. Eine Woche Urlaub – du hättest Lust auf …

… eine Ferienwohnung mit Freunden. Wo? Zweitrangig.
… eine ausgiebige Wanderung, zum Beispiel auf Island.
… ein Yoga-Retreat am Mittelmeer.
… einen Party- und Kultur-Urlaub auf Ibiza.

6. Welche dieser Eigenschaften macht für dich einen anderen Menschen besonders attraktiv?

Begeisterungsfähigkeit
Empathie
Gelassenheit
Zielstrebigkeit

7. Deine Lieblingsbeschäftigung als Kind?

Lesen
Sport
Verstecken oder Fangen spielen
Schätze sammeln

AUFLÖSUNG:

Zähle zusammen, wie oft du welches Symbol ausgewählt hast. Das Symbol, das du am meisten gewählt hast, beschreibt deinen Glücks-Typ.

Überwiegend : Ruhe

Was dich glücklich macht: Du bist gerne allein, genießt Phasen, in denen du Erlebtes sacken lassen und verarbeiten kannst. Eine wertvolle Eigenschaft, die deiner inneren Balance zugute kommt. Vorausgesetzt, du gönnst dir solche Leerlauf-Stunden auch tatsächlich! Allzu oft vergessen wir im Alltagstrubel unsere wahren Bedürfnisse, erfüllen unsere Pflichten und vernachlässigen das Innehalten. Solltest du solche Schwierigkeiten kennen, hilft dir vielleicht eine feste Verabredungen mit dir selbst, die du in deinen Kalender einträgst. Wichtig: Nehme diesen Termin genauso ernst wie jeden anderen Termin auch.

Überwiegend : Austausch

Was dich glücklich macht: Kaum etwas geht dir über ein intensives Gespräch mit einer interessanten Person. Du bist neugierig auf andere Menschen und fühlst dich besonders wohl und geborgen, wenn du Teil einer Gruppe oder eines Teams bist. Wahrscheinlich hast du bereits einen Kreis lieber Menschen um dich herum. Sollte es dir daran fehlen, könnte ein Ehrenamt oder der Eintritt in einen Verein dir inspirierende Impulse bringen. Denn dort triffst du Menschen mit ähnlichen Interessen und kannst die Verbundenheit erleben, nach der du dich sehnst.

Überwiegend : Erlebnisse

Was dich glücklich macht: Du bist neugierig auf die Welt, liebst Reisen, Sport und Kultur und bist überhaupt sehr aktiv. Gut so, wenn dir auch regelmäßig Verschnaufpausen gönnst. Sollte das Gegenteil der Fall sein und du dich derzeit in der Alltagsroutine gefangen fühlst, dann wird es Zeit, etwas zu ändern. Schon kleine Dinge können den Unterschied machen: Kaufe zum Beispiel Lebensmittel, die sonst nicht in deinem Einkaufskorb landen und laden jemanden zum Kochen ein. Oder klettere nachts auf das Klettergerüst eines Kinderspielplatzes – sei kreativ! Was immer dir einfällt, tu es einfach!

Überwiegend : Erfolg

Was dich glücklich macht: Was anderen Angst macht, lässt dein Herz vor Freude klopfen. Bist du einer Herausforderung gegenüber gestellt, dann träumst du bereits vom Ziel – und hast in der Regel gute Chancen, es zu erreichen, weil du an dich glaubst. Das ist toll! Wichtig ist allerdings, dass du auch mit Rückschlägen umgehen kannst und das Gefühl der Enttäuschung zulässt, anstatt es zu verdrängen. Manchmal besteht Erfolg nämlich auch darin, einzusehen, dass man sich überschätzt hat oder dass man nicht der oder die „Beste“ sein muss, um liebenswert zu sein.

Dieser Test stammt aus dem YOGA JOURNAL 03/2018 mit dem Titelthema „Richtig glücklich!“


Eine ganz ähnliche Frage lautet: Wann bist du wirklich zufrieden? Wann ist es genug? Einige Impulse rund um das Thema Zufriedenheit findest du im aktuellen YOGAWORLD JOURNAL 02/2026. Hier geht’s direkt zur Ausgabe.

Mountain Yoga Festival St. Anton am Arlberg – 3. – 6. September 2026

Wenn Yoga auf Bergstille trifft, entsteht ein besonderer Raum für bewusste Praxis. Das Mountain Yoga Festival St. Anton am Arlberg 2026 lädt Yogis*inis aller Erfahrungsstufen ein, Yoga in enger Verbindung mit der Natur zu erleben – getragen von frischer Alpenluft, der Weite der imposanten Bergwelt und innerer Klarheit. //anzeige

Im Mittelpunkt steht eins vielfältiges, qualitativ hochwertiges Programm für Yoga- und Naturliebhaber*innen: von kraftvollen Vinyasa-Flows über regeneratives Yin Yoga bis hin zu Meditation, Pranayama und Chanting. Internationale Lehrer*innen und erfahrene Expert*innen begleiten die Teilnehmer*innen durch inspirierende Klassen und Workshops, die sowohl körperliche als auch mentale und spirituelle Prozesse ansprechen.

Yoga-Sessions auf Almwiesen

Die alpine Umgebung wird bewusst in die Praxis integriert. Yoga-Sessions auf Almwiesen, stille sowie auch anspruchsvolle Wanderungen, ein Eintauchen in die alpine Kulinarik und ein Einblick in die Welt von Ayurveda bieten neue Zugänge zur eigenen Wahrnehmung und vertiefen die Verbindung zu sich selbst.

Ein bunter Mix aus allen Yogastilen

Das Programm ist für alle Teilnehmer offen, ein aufregendes Zusatzprogramm vor dem offiziellen Festivalbeginn kann gerne gebucht werden und ermöglicht ein tieferes Kennenlernen und Erfahren der Region: 2026 bieten wir eine geführte 2-Tages-Hüttenwanderung (natürlich mit Yoga Einheiten), einen „Art of Teaching“ Workshop mit Karl Straub (Zürich) und Sigrid Pichler (New York) für Yogalehrer/innen unter unseren Festivalteilnehmer/innen, sowie ein Ayurveda Deep Dive mit Gesundheits-und Ernährungscoach Rashmi Zimburg.

St. Anton am Arlberg bietet mit seiner klaren Bergenergie, kurzen Wegen, lokaler und familiärer Hotellerie und Gastronomie und nachhaltigen Anreise per Bahn den idealen Rahmen für eine bewusste Auszeit. Das Mountain Yoga Festival in St. Anton am Arlberg ist für Yoga- und Naturliebhaber*innen, die einen bunten Mix aus Yogastilen für Anfänger bis Fortgeschrittene, Berg- und Naturerlebnisse, Unterhaltung, Spaß, und eine weltoffene Community suchen.

Für Rückfragen, kannst du dich via Email jederzeit an das Festival-Team wenden: yoga@stantonamarlberg.com

Mehr Infos: www.mountainyogafestivalstanton.at

Dies.Das.Asanas mit Jelena Lieberberg – der Päckchen-Handstand

Genauso regenbogenbunt wie die umstrickte Säule auf dem Bild ist auch die Praxis unserer Asana-Kolumnistin Jelena. Sie ermuntert dich in ihrer Reihe, Neues auszuprobieren und dabei nicht nur deine Kraft, sondern auch deine Grenzen zu erweitern. Diesmal mit dem Päckchen – einer raffinierten Arm-Balance und Handstand-Variante. Also Schluss mit grauem (Yoga)-Alltag: mehr Mut, mehr Farbe!

Text: Jelena Lieberberg / Foto: Theresa Bartmann

Der Handstand, Adho Mukha Vrikshasana, ist ja schon lange eine der angesagten Asanas: gerne gezeigt auf Social Media, mal geschummelt, mal als Banane – aber immer ein Zeichen von Kraft und Selbstüberwindung, ein Triumph über die Schwerkraft. Vor allem aber ist der Handstand eine wundervolle Ganzkörper-Übung. Er baut nicht nur Kraft in Schultergürtel, Core und Rücken auf, er schenkt dir auch eine Menge Selbstbewusstsein und aktiviert als intensive Umkehrhaltung den Kreislauf.

Die meisten kennen ihn mit dem Rücken zur Wand geübt, denn das schenkt Sicherheit und schützt dich vor dem Umfallen. Nur wenige üben ihn anders herum, nämlich mit dem Bauch zur Wand. Das wirkt zu Beginn unheimlich, weil man das Gefühl hat, auf den Rücken knallen zu können. Aber es hilft auch, eine stabile Balance und mehr Sicherheit aufzubauen, also ruhig mal probieren! Am besten übst du auch gleich wieder das Rad, das du sicher noch aus dem Schulsport kennst, denn ein halber Radschlag zur Seite ist die beste Methode, um dich zu retten, wenn du im Handstand das Gefühl hast, nach hinten zu fallen.

Mit dem Päckchen in die Welt der Arm-Balancen

Das hier gezeigte Päckchen ist eine fortgeschrittene Variante des Handstands mit dem Bauch zur Wand: Dabei falten wir uns ähnlich wie in der Haltung des Kindes kompakt zusammen, während wir auf den Händen stehen. Und weil diese kompakte Kraft in der Mitte auch Grundlage vieler komplexer Arm-Balancen ist, gilt der „Tuck Handstand“ als die Eintrittskarte in diese faszinierende Welt.

Macht das Spaß?

Ganz bestimmt! Aus persönlicher Erfahrung kann ich allerdings auch sagen, dass es gut sein kann, dass du beim ersten Versuch denken wirst: „Was?! Wie soll das jemals gehalten werden?“ Die Position ist ungewohnt und kniffelig – ein super Projekt für alle, die neue Herausforderungen lieben!

Muss ich das können?

Überhaupt nicht. Aber wie wär es, dich zumindest mal wieder am Handstand mit dem Rücken zur Wand zu probieren? Die Diagonale an der Wand, die bei der Übungsbeschreibung in Schritt 2 beschrieben ist, ist eine prima Kräftigung für den gesamten Körper, vor allem, wenn du Arme und Beine kraftvoll streckst und nicht ins Hohlkreuz kippst.

Wie bereite ich mich vor?

Wärme den gesamten Körper, Handgelenke und Schultern gründlich auf, bevor du dich an die Handstandpraxis machst. Übe dann ein paar klassische Handstände und achte dabei darauf, dich aus den Schultern heraus bis in die Zehenspitzen nach oben zu strecken. Die kompakte Rumpfhaltung für das Päckchen kannst du in Rückenlage „trocken“ üben, indem du die Knie fest zur Brust ziehst und die Arme dabei nach hinten streckst – wie auf dem Bild, nur eben liegend.

Step by step in die Balance

Jelena Lieberberg, das Päckchen Handstand-Variation, Yoga

1 Beginne im Stehen mit dem Rücken zur Wand, am besten mit etwa einer Beinlänge Abstand. Beuge dich nach vorn (Uttanasana).

2 Setze die Hände schulterbreit und kraftvoll aufgefächert auf den Boden. Lege dann erst einen Fuß etwa hüfthoch an die Wand, dann den zweiten und wandere mit den Füßen rückwärts die Wand hoch, bis du dich in einer gestreckten Diagonale befindest. Achte dabei darauf, die Schulterblätter breit und die Körpermitte stabil zu halten, anstatt dich durchhängen zu lassen.

3 Wenn das gut klappt, versuchst du, die Hände mit der Zeit so nah zur Wand hin aufzusetzen, dass du die Hüften über den Schultern stapeln kannst.

4 Beuge nun erst ein Knie, dann das andere. Lasse die Füße dabei an der Wand und achte wieder darauf, nicht in ein Hohlkreuz zu fallen oder die Schultern zu schließen. Schicke deinen Blick Richtung Boden und schiebe dich aus den Schultern heraus nach oben. Atmen nicht vergessen!

5 Um in Richtung freie Balance zu kommen, ziehst du erst einen Fuß zum Gesäß, dann im Wechsel und mit der Zeit alle beide.


JELENA LIEBERBERG ist Osteopathin und Yogacoach in Berlin. Ihre eBooks, Retreats und Workshops findest du unter kickassyoga.com oder besuche Jelena auf Insta @kickassyoga.

Wusstest du schon, dass du mit der eingeklappten Core-Päckchen-Haltung auch schweben kannst? Nein? Dann schau doch mal hier vorbei:

Kennst du schon diese kniefreundliche Krieger-Variante aus Jelenas letzter Kolumne?

Die 4 Arten von Glück in der Yogaphilosophie

Glück Symbolbild - Frau freut sich an Frühlingsblumen

Was ist eigentlich Glück? Ein dauerhafter High-Zustand? Oder einfach die Abwesenheit von Unzufriedenheit? Kann man generell glücklich sein, auch wenn es gerade nicht so läuft? Hier sind vier Antworten aus der Yogaphilosohie.

Text: Aimee Heckel / Titelbild: SrdjanPav von Getty Images Signature via Canva

Ganz klar: Wie man Glück definiert, hat einen großen Einfluss darauf, wie man es erlebt – und es gibt zig Definitionen von Glück, von den antiken Philosophen bis hin zur modernen Forschung. Alleine in der Yogaphilosophie kennen wir mindestens vier verschiedene Arten:

Santosha

Santosha bedeutet, sich an dem zu freuen, was man hat, wer man ist und wo man sich in diesem Moment im Leben gerade befindet. Mit einem Wort: Zufriedenheit. Und es stimmt natürlich: Wir sind dann am glücklichsten, wenn wir uns nicht danach sehnen, reicher, schöner, gelassener, mitfühlender, jünger oder sonst wie anders zu sein, als wir es sind.

Hier findest du eine passende Yogasequenz für mehr Zufriedenheit und Selbstbewusstsein.

Sukha

Sukha bedeutet wörtlich so etwas wie „ein guter Ort“. Gemeint ist ein Zustand von Vergnügen, Freude oder Wohlergehen – und den sollte man nicht nur finden können, wenn alles gerade prima ist, sondern am besten auch inmitten von Schwierigkeiten. Sukha soll übrigens die ethymologische Wurzel des deutschen Wortes „Zucker“ sein, genau wie des englischen „sugar“ oder des französischen „sucre“: So gesehen wäre Glück ganz einfach die Süße des Lebens.

Mudita

Mudita fällt vielen von uns nicht leicht: mitfühlende Freude zu erleben, also glücklich zu sein, weil jemand anders glücklich ist, selbst wenn er oder sie das hat, was uns selbst vielleicht fehlt. Das passt nicht sehr gut in unsere oft ichbezogene Vorstellungswelt. Umso wichtiger ist es, sich auch für diese Art von Glück zu interessieren und zu öffnen.

Ananda

Ananda schließlich wird im Deutschen mit dem schönen Wort „Glückseligkeit“ übersetzt: ein vollkommener, von keinerlei Bedingungen abhängiger Glückszustand, in dem wir nicht länger nach dem Glück suchen, sondern es einfach erfahren. Der Yogagelehrte Georg Feuerstein schrieb einmal, Ananda sei das, „was wir erleben, wenn unser ganzer Körper Freude verströmt und wir uns fühlen, als umarmten wir alles und jeden.

Der Schlüssel ist Präsenz

All diesen Arten von Glück ist eines gemeinsam: Sie überhaupt wahrzunehmen und auszukosten, ist davon abhängig, dass man im gegenwärtigen Moment präsent sein kann. Das trifft auch auf die beiden eher wissenschaftlich gefassten Kategorien zu, die Jonathan Rauch in seinem Buch von der Glückskurve verwendet. Demnach gibt es die affektive (wie fühle ich mich heute) und die evaluative Art von Glück (wie bewerte ich mein Leben im Ganzen). Die zweite Kategorie ist natürlich die bedeutsamere, denn, so Rauch, „Sie mögen zwar heute nicht so happy sein, können aber dennoch das Gefühl haben, dass Ihr Leben erfüllend und lohnend ist.“


Autorin Aimee Heckel lebt als freie Autorin mit ihrer Familie in Colorado. Ihre Spezialität sind Reisereportagen aus der ganzen Welt. Mehr Info auf aimeeheckel.com

Dies ist ein Auszug eines Artikels aus dem YOGA JOURNAL 04/2020.

Im YOGAWORLD JOURNAL 02/2026 dreht sich alles rund ums Thema Zufriedenheit. Wie finden wir diesen inneren Frieden, der uns sagt: Es ist genug? Hier kannst du dir das Heft bestellen.