Die 10 Gebote des Yoga: Ohne Ethik kein Yoga

Die Yamas und Niyamas aus dem Yogasutra des Patanjali bilden nicht umsonst die ersten beiden Stufen des achtgliedrigen Übungsweges: Im klassischen Yoga gelten die 10 Gebote des Yoga als die Basis der gesamten Praxis. Wir erklären dir, warum das so ist und wie du deine eigene Ethik definierst.

Richtig oder falsch? Wenn das so einfach wäre! Ethische Fragen durchziehen unser gesamtes Leben – und mangelnde Ethik ist die Wurzel vieler kleiner Konflikte und großer Probleme. Im Yoga gilt: Ohne Ethik kein spirituelles Wachstum. Trotzdem gehen wir mit dem Thema oft ziemlich lässig um. Warum eigentlich? Und wie ließe sich das ändern? Sehen wir uns erst einmal die 10 Gebote des Yoga an: Yamas und Niyamas.

Yamas – „Zügelungen“, Regeln für gutes Handeln

Diese fünf Regeln bezeichnet Patanjali als Mahavratam, das „große Gelübde“, denn sie sollen bedingungslos und universell gültig sein.

  1. Ahimsa – Nicht-Verletzen, Nicht-Schädigen, Gewaltlosigkeit
  2. Satya – Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit
  3. Asteya – Nicht-Stehlen, im weiteren Sinn Nicht-Begehren
  4. Brahmacharya – sexuelle Enthaltsamkeit oder allgemein Maßhalten
  5. Aparigraha – Nicht-Besitzergreifen, Nicht-Horten

Kurz erklärt: Was sind Patanjali und der achtgliedrige Pfad?

Niyamas – „Disziplinen“, Regeln für eine gute Praxis

  1. Sauca – innere und äußere Reinheit oder Reinigung
  2. Samtosha – Zufriedenheit, Genügsamkeit oder Gleichmut
  3. Tapas – Askese oder Feuereifer in der Praxis
  4. Svadhyaya – eigenes Studium oder Selbsterforschung
  5. Ishvara Pranidhana – Hingabe an Gott oder allgemein Hingabe

Auch wenn wir es nicht so nennen: Wir reden ziemlich gerne und viel über Ethik, vermutlich sogar jeden Tag, und zwar meistens in Form von Klagen. Wir sprechen nämlich sehr viel lieber über die (mangelhafte) Moral der anderen als über unsere eigene. Das Thema ist uns einerseits sehr wichtig, andererseits aber offenbar unangenehm ist. Wir können den innerlichen Widerstand gegen das Thema vermutlich ganz einfach auflösen, indem man ein anderes Wort benutzt: Werte, Güte oder Menschlichkeit vielleicht. Dann fällt es leichter, sich dem Thema zuzuwenden und herauszufinden, welche Prinzipien einem wichtig sind und nach welchen Leitlinien man sein Leben ausrichten möchte.

Lies auch: 10 wichtige Tugenden für unsere Zeit

Welche Art Mensch möchte ich sein?

Die Kraft der Ethik reicht aber noch viel weiter: Die meisten von uns würden gerne die Welt verändern. Es gibt so vieles, was falsch läuft, was wir als unrecht empfinden und gerne anders hätten, friedlicher, gerechter. Wir wissen, dass ein großer Teil der globalen Probleme auf einer mangelhaften Ethik beruht. Der Teil der Welt, auf den wir den meisten Einfluss haben, sind wir selbst. Das müsste unser Ausgangspunkt sein: Wenn wir uns eine friedlichere Welt wünschen, müssen wir selbst friedlicher werden. Wenn wir Gerechtigkeit fordern, müssen wir in unserem eigenen Verhalten deutlich machen, was Gerechtigkeit überhaupt heißt.

Lies auch: Yamas und Niyamas in der Yogapraxis

Ethische Überzeugungen abhängig von Stimmung

In Wirklichkeit ist unsere persönliche Moral oft sehr fließend. Die wenigsten Menschen haben ihre Leitlinien und Maßstäbe klar definiert. Kannst du deine Ethik ad hoc in ein paar Sätzen beschreiben? Wahrscheinlich nicht. Ohne dass man es sich klar macht, scheint es bei den meisten Menschen sogar so zu sein, dass zwei verschiedene Sätze an ethischen Werten zum Einsatz kommen: Der eine wenn man sich friedlich und glücklich fühlt, zum Beispiel nach einer Yogastunde – wer wäre da nicht hilfsbereit, milde und verständnisvoll? Aber da gibt es auch einen zweiten, der zum Vorschein kommt, wenn wir aufgebracht oder gekränkt sind, oder auch nur hungrig und müde: Dann sagen und tun wir manchmal Dinge, die wir sonst niemals von uns geben würden.

Dieses Phänomen wurde schon in mehreren wissenschaftlichen Untersuchungen unter die Lupe genommen. Sie zeigen allesamt, wie abhängig unsere ethischen Überzeugungen, vor allem aber unser Verhalten von der jeweiligen Stimmung sind. Das hat Folgen, denn wenn du freundlich gestimmt bist, dann gibst du diese Freundlichkeit weiter und dieses positive Verhalten kann sich theoretisch wie eine Kettenreaktion durch die ganze Stadt fortsetzen.

Genauso breitet sich aber auch deine Aggression aus, wenn du grob zu jemandem bist.
Um das zu vermeiden, muss man sich über diese Mechanismen erst einmal bewusst werden und auch wahrnehmen, was einen vielleicht gerade triggert. Noch wichtiger finde ich es aber, dass man nicht damit aufhört, sich über die eigene Ethik Gedanken zu machen, sie klar zu definieren und sich innerlich so an ihr auszurichten, dass sie auch in schwierigen Momenten noch greifen kann. Vielleicht beginnst du damit, einmal aufzuschreiben, wie du von anderen behandelt werden möchtest – und zwar so genau wie möglich. Jetzt musst du das Ganze nur noch umdrehen und andere Menschen genau so behandeln.

Wie ein Tropfen der ins Wasser fällt und Wellen schlägt: Dein eigenes Verhalten überträgt sich auf deine Mitmenschen. Foto: Herbert Goetsch via Unsplash

Herausforderungen der eigenen Ethik

Die persönliche Auseinandersetzung mit Ethik führt dazu, dass wir darüber nachdenken, welche Art Mensch wir sein möchten. Wie möchtest du in Erinnerung bleiben? Wir entscheiden, wer wir sein wollen. Und wir schaffen uns einen Code an ethischen Grundsätzen, damit wir uns daran halten können. Das ist zugegebenermaßen nicht einfach, denn wir kommen immer wieder in Situationen, in denen unsere Ethik auf eine harte Probe gestellt wird. Und fast immer gibt es einen Grundsatz, mit dem man besonders zu kämpfen hat. Das hat ganz verschiedene Gründe. Einer davon besteht darin, dass wir zur Vereinfachung neigen.

Sich über die eigenen Grundsätze klar werden

In der Yoga-Community hört man zum Beispiel sehr häufig: „Ich glaube an Gewaltlosigkeit.“ Klingt plausibel, aber man könnte sich sehr schnell ein paar Situationen ausdenken, die diesen Grundsatz auf die Probe stellen. Etwa so: Du siehst, wie ein Kind erschlagen wird. Du hast einen Knüppel und könntest den Täter mit einem Schlag stoppen. Würdest du das tun? Ich denke, die meisten Menschen müssten zugeben, dass sie nicht an Gewaltlosigkeit unter allen denkbaren Umständen glauben, sondern dass dieses Prinzip für sie an Bedingungen geknüpft ist. Das ist auch völlig in Ordnung.

Es ist aber wichtig, sich darüber im Klaren zu sein – und zwar am besten bevor man in eine solche Situation gerät. Das ist eines der Dinge, die uns die Beschäftigung mit Ethik schenken kann: Wir entscheiden schon im Vorfeld, von welchen Grundsätzen wir uns leiten lassen. Auf diese Weise wird das Leben klarer. Denn in vielen Situationen haben wir schlicht nicht die Zeit, lange über das richtige Verhalten nachzudenken. Wenn zum Beispiel Gewalt im Spiel ist, springen sofort Reflexe an: Flucht oder Kampf? Wenn ich mir schon zuvor im Klaren darüber bin, dass ich zwar an Gewaltlosigkeit glaube, unter ganz bestimmten Umständen aber selbst Gewalt anwenden würde, dann hilft mir das, in einer solchen Situation schnell und entschlossen zu handeln, anstatt innerlich zu erstarren und mich auf eine Weise zu verhalten, für die ich mich später schämen müsste.

Lies auch: Was bedeutet Ahimsa?

Das ethische Dilemma

Ein weiteres Feld, in dem einem solche Szenarien bei der Klärung helfen können, ist das ethische Dilemma. Ein berühmtes Beispiel dafür ist die Geschichte von Anne Frank: Nehmen wir an, sowohl Gerechtigkeit als auch Ehrlichkeit gehören zu deinen ethischen Werten, was würdest du tun, wenn du das Versteck der Familie Frank in Amsterdam kennst und von der Gestapo danach gefragt würdest? Da du an Gerechtigkeit glaubst, müsstest du die Familie vor dem sicheren Tod schützen. Weil du dir aber geschworen hast, unter keinen Umständen zu lügen, müsstest du die Frage wahrheitsgemäß beantworten und die Franks ausliefern. Mit anderen Worten: Zwei starke ethische Werte stehen in direktem Konflikt und du musst dich für einen von beiden entscheiden. Glücklicherweise kommen nur sehr wenige von uns je in eine so dramatische Situation, aber im Grunde kannst du das gleiche Dilemma auch schon erleben, wenn deine Freundin fragt: „Sehe ich gut in diesem Outfit aus?“

Gerade diese beiden Werte – Ehrlichkeit und Freundlichkeit – stehen in einer engen Beziehung, in meinen Augen sollte man immer gemeinsam über sie nachdenken. Dabei kannst du einiges über dich lernen: Neigst du eher dazu, zu lügen, um Konflikte zu vermeiden? Oder benutzt du deine Wahrheitsliebe vielleicht sogar insgeheim, um den einen oder anderen Konflikt zu schüren? Wie stimmungsabhängig ist das? Und wie gut bist du in der Lage, zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Ton zu treffen?

Ethisches Verhalten erfordert Selbstbeobachtung

Es reicht also nicht, sich für einen bestimmten Wertekatalog zu entscheiden und sich vorzunehmen, sich daran zu halten: Ethisches Verhalten erfordert eine ständige Selbstbeobachtung und ein Abwägen von Grundsätzen, Motiven und besonderen Zusammenhängen. Es ist – genau wie Yoga – ein Übungsweg. Dabei geht es nie um ein starres Korsett aus Regeln. Viel eher sollten wir Ethik als die Form verstehen, die unsere Liebe annimmt – der Ausdruck unserer Liebe in die Welt hinein. Es ist leicht zu sagen „ich liebe“, aber wie entfaltet sich diese Liebe in der Menschheit und der Biosphäre? Wie drückst du dich aus in Worten und Taten? Und wie bringst du sie auch dann noch zum Ausdruck, wenn schwierige Umständen dich fordern? Das ist die Grundlage der Ethik und der Grund, warum Ethik das vielleicht wichtigste Thema unserer Zeit ist.


Als der amerikanische Yogalehrer Max Strom vor Jahren in Washington einen
Workshop mit dem Titel „Ethik“ anbot, kamen fünf Teilnehmer. Beim nächsten Mal nannte er das Seminar „Skandal, Tugend und das Freudenfeuer unserer Eitelkeiten“. In kürzester Zeit erreichten ihn 50 Anmeldungen. Dieser Text beruht auf einem Vortrag, den Max Strom im Herbst 2018 während eines Workshops bei My Shanti Yoga in Nürnberg hielt. Mehr Info: maxstromberlin.de // Titelbild: Jeremy Thomas via unsplash

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